Zukunft – Leidensdruck schafft Leidenschaft

Es gibt keine Zukunft mehr! Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass für viele Menschen dieser Begriff nur noch eine grammatikalische Relevanz hat. Ist für sie Zukunft doch eher eine Fortschreibung ihrer Gegenwart und die Realisierung ihrer Erwartungen. Und wenn es einmal ein Ereignis wie die Pandemie gibt, dann wartet man (mehr oder weniger) geduldig, bis diese vorüber geht.

Die Möglichkeit, dass es das Leben vor Corona in der Form nicht mehr geben wird, scheint undenkbar. Diese lineare Gleichförmigkeit unserer Existenz mit einem hohen Sicherheitsfaktor in den letzten Dekaden hat uns zu einem „Gewohnheitstier“ werden lassen. Wir sind gewohnt, dass wir regelmäßig in den Urlaub fliegen und dass es in einer Familie mindestens zwei Autos gibt. Wir sehen Sonntags den Tatort oder lassen mit einem Rosamunde Pilcher-Film das Wochenende ausklingen. Der Müll wird wöchentlich abgeholt und Bayern München wird (fast) jede Saison Deutscher Fußballmeister.

Unser Leben kennt im Grunde keine ernsthaften Probleme! Weshalb also sich über Zukunft den Kopf zerbrechen, wenn es heißt „Die Rente ist sicher!“? Es gibt einfach keinen Leidensdruck! Klar, es gibt den Klimawandel, die geo-politischen Bedrohungen, die globale Umweltzerstörung usw., aber all das verursacht bei den meisten Menschen keinen Anstieg des Blutdrucks. Und wenn man denn nun versucht, darüber zu diskutieren, gibt es zwar ein Gespräch. Aber es kommt keine Leidenschaft auf! Dabei sollte doch gerade die Diskussion über unsere Zukunft mit Verve und Enthusiasmus geführt werden. Ja, sie sollte sogar kontrovers und disparat, emotional und nachdenklich sein.

Wenn in der Wissenschaft über Zukunft referiert wird, dann hat das nach unserem Verständnis immer etwas Antiseptisches, das kaum infiziert und schon gar nicht berührt. In den Künsten scheint es sich anders zu entwickeln. Hier entstehen mit Leidenschaft Dystopien und Utopien, Science mit Fiction, Inspiration durch Imagination. Zukunft ist in der Kunst sowohl Bedrohung als auch Herausforderung, sowohl Irrtum als auch Wahrscheinlichkeit. Vielleicht ist es das, was unserer Gesellschaft fehlt – der Leidensdruck, der das herrschende Übervertrauen in Frage stellten könnte? Vielleicht ist die Kunst ja das Nadelkissen der Gesellschaft, welches für sie die Optionen der Zukunft absteckt und auch wieder korrigiert? Und beim Abstecken kann man sich und andere auch schon einmal piksen.

Kunst als Option für eine Leidenschaft zur Transformation?

Link: https://www.sueddeutsche.de/kultur/kultur-zukunft-politische-theorie-visionen-1.5445958

Bildquelle: digitalSTOCK