Podcast: Wir, die Domestiken unserer Begierden?

Die Äußerung „Wir leben im Überfluss!“ verharmlost einen Zustand, der apokalyptische Ausmaße annehmen kann. Wir wollen das nicht wahrhaben oder denken, dass es uns nichts angeht. Im Gegenteil, viele Menschen unter uns empfinden diesen Zustand als normal und meinen sogar, dass er ihnen zusteht. Sie finden es okay, wenn sie ihre Garage zumüllen und ihr Auto auf der Straße abstellen. Und wehe, wenn sie länger als 5 Minuten einen Parkplatz suchen müssen …

Bei Statista vom 8.9.2021 heißt es: „Rekord beim Bestand an Personenkraftwagen in Deutschland – die Anzahl der in der Bundesrepublik gemeldeten Pkw erreichte am 1. Januar des Jahres 2021 mit rund 48,25 Millionen Fahrzeugen den höchsten Wert aller Zeiten.“ Korreliert man dies mit der Einwohnerzahl von rund 83 Mio. Menschen in Deutschland, dann besitzt demnach mehr als jeder Zweite ein Auto! Noch krasser wird die Relation, wenn man die unter 18-jährigen und die über 75-jährigen Menschen abzieht. Der Trend geht zum Zweit- und Drittauto (Welt vom 15.09.2021)! Abstrus finde ich auch die Relation unserer Einwohnerzahl zu den rund 200 Mio. Handys. Oder nehmen Sie die Lebensmittelabfälle – 12 Mio. Tonnen landen pro Jahr im Müll. Wenn es zutrifft, dass ein Deutscher im Jahr rund 330 Kilogramm Lebensmittel verspeist (Deutsche Gesellschaft für Ernährung vom 7.1.2021), dann könnte allein von unserem Lebensmittel-“Müll“ ein Land wie Afghanistan ernährt werden. Ich bin sicher, wenn man mal genauer hinschaut, finden sich weitere Merkwürdigkeiten, die im Grunde mit Wohlstand nichts mehr zu tun haben.

In einem Podcast mit Claudia Lutschewitz für #ServantPolitics (September 2021) ist mir in diesem Zusammenhang das Wort „Wohlstandsporno“ rausgerutscht. Meine radikale Wortwahl überraschte mich selbst. Aber wie ist Pornografie zu definieren? In einem Gerichtsurteil von 1974 hieß es: „grobe Darstellungen des Sexuellen, die in einer den Sexualtrieb aufstachelnden Weise den Menschen zum bloßen, auswechselbaren Objekt geschlechtlicher Begierde degradiert“.

Ob der Mensch mit seiner Konsumwelt nicht selber auch zu einem auswechselbaren Objekt geworden ist? Oder zum Domestiken seiner materiellen Begierden? 

Link: https://servant-politics-podcast.podigee.io/s1e2-neue-episode

Bildquelle: photoalto (James Hardy)