Zukunft ist, was wir draus machen

Sind Zukunftskonzepte recyclingfähig und wiederverwendbar? Braucht die Vorstellung von Zukunft einen TÜV? Hat das Verständnis von Zukunft ein Mindesthaltbarkeitsdatum? Für die erste Frage ein klares Ja! Ist doch der Slogan „Mehr Fortschritt wagen“ der Ampel-Koalition eine bewusste Anleihe an Willy Brandts Motto „Mehr Demokratie wagen“. In der Regierungserklärung von 1969 sollte damit in einer verkrusteten Gesellschaft Aufbruchsstimmung ausgerufen werden.

Auch wenn die Zeiten nicht vergleichbar sind, weisen doch beide Claims in Richtung Zukunft durch die Ankündigung programmatischer Veränderungen. Auch die zweite Eingangsfrage kann mit einem entschiedenen Ja beantwortet werden. Haben doch diese Funktion die Wahlberechtigten übernommen, die durch ihre Abstimmung den Regierenden mitteilen, ob sie ihnen die Tauglichkeit für Zukunftsgestaltung zutrauen. Wenn der Souverän den Daumen nach oben oder nach unten zeigt, weist auch er die Zukunft. Die Frage nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum beantwortet unsere turbo-schnelle Informations- und Kommunikationsgesellschaft selber – Ja! Der Grund hierfür findet sich auf dem turbulenten Markt der Meinungsäußerer, wo jeder lauthals seine eigene subjektive Vorstellung von Zukunft zum Besten gibt. Einer solchen Kakophonie mag dann irgendwann niemand mehr zuhören, weil Eigeninteresse und Phonstärke der Verkünder zum Zeichen der Beliebigkeit werden. Ja, weil Zukunftskonzepte nicht auf dem Markt „verkauft“ werden, sondern von Menschen zu gestalten sind, die immer sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung sind. Das sollten wir in einer Demokratie nie vergessen!

Das Interview (Der Spiegel 52/2021) mit der Historikerin Prof. Dr. Elke Seefried, Expertin für die Geschichte der Zukunftsforschung, ist sehr lesenswert. Es finden sich kluge Gedanken beispielsweise zur Bedeutung und Funktion von Prognosen und zur Vorhersagequalität technischer und sozialer Systeme. Am Ende des Gesprächs macht sie nochmals deutlich, dass jeder Einzelne „… viele neue Möglichkeiten, die Zukunft zu gestalten …“ hat. Aber vielleicht wollen wir diese Möglichkeiten ja gar nicht sehen? Weil unsere Gesellschaft eine Wegwerf-Mentalität hat, die auch ihre Zukunft ex-und-hopp sieht? Oder weil wir Demokratie für so selbstverständlich halten, dass wir sie nicht mehr wertschätzen? Oder weil der Klimawandel uns gerade zeigt, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum unseres exzessiven Wohlstandssystems gerade abläuft?

Wie gesagt: Es liegt an uns …

Bildquelle: digitalSTOCK

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