Denk dir einen Design-Diskurs

Was gibt es Bereicherndes als einen kontroversen Diskurs zwischen offenen und interessanten Menschen?! Man erfährt Unbekanntes, tauscht Argumente aus, verändert seine Einsichten und schafft neue Aussichten. Voraussetzung ist, dass man zuhören kann und dem anderen auf Augenhöhe mit Respekt begegnet. Durch die Pandemie haben Gelegenheiten zum persönlichen Austausch gefehlt. Hier der Versuch eines „dialogischen Monologs“ mit Patricia Urquiola anhand eines Interviews im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 20. Januar 2022:
D‘accord bin ich mit Ihrer Äußerung, dass das Design in einem Unternehmen ein nachhaltiger und fortlaufender Prozess ist. Andernfalls gibt es kein „synonymes“ Verständnis von Gestaltung und Qualität. Das Unsichtbare im Design ist dafür verantwortlich, dass das Sichtbare im – nicht vom – Design einen Gebrauchswert erhält, der beim Rezipienten Akzeptanz und Begeisterung im Gebrauch auslöst. Nachhaltige Innovationen haben einen zeitlichen und einen werthaltigen Aspekt – sie müssen andauern und sollten heute auch unbedingt ökologisch sein. Ihren Satz, liebe Patricia Urquiola, verstehe ich nicht: „Ich mag das Wort Kreativität nicht besonders und mache mich manchmal lustig darüber.“ Nach meinem Verständnis reden wir hier über die Kernkompetenz von DesignerInnen, von der sie ein ganzes, langes Berufsleben bestreiten müssen. Und dabei braucht es die ständige Veredelung und Anreicherung durch Wissen aus Wirtschaft und Wissenschaft, sozialem Leben und Technik, aus Natur und Kultur. Auch denke ich, dass Ihre Äußerung „Antworten auf die Bedürfnisse des Kunden zu finden …“ einer vertieften Kommentierung bedarf. Wir sollten zwischen den aktuellen und artikulierten Bedürfnissen und den zukünftigen und zentralen Wünschen einer nachhaltigen Gesellschaft unterscheiden. Recht haben Sie, wenn Sie sagen: „Ab jetzt geht es um die Erweiterungen unseres Geistes, unseres Denkens. Es kommen immense Veränderungen auf uns zu, weil unsere Prothesen sich ändern.“ In der Tat muss sich die Welt zum Besseren ändern, indem der Mensch sie neu gestaltet. Fürs Design heißt das aber auch, dass wir unsere Planungsinstrumente qualifizieren und anpassen müssen. Andernfalls wird aus Begeisterung für Fortschritt Blindheit für die Folgen. Und hier denke ich an die Hochschulen, die den Nachwuchs auf diese Anforderung vorbereiten sollen. Und die Jugend hat ein Recht darauf. Wir sollten nicht akzeptieren, dass „Jede Generation vergisst, was die vorangegangene geleistet hat.“ Kostet dies doch uns allen Zeit und Ressourcen und bringt die Gesellschaft nicht weiter. Gebraucht werden echte Innovatoren und keine „Wiederholungstäter“! Liebe Patricia Urquiola, ich danke Ihnen für Ihre inspirierenden Statements.

Link: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/wohnen-und-design/design-patricia-urquiola-interview-91139