Der Vernunft eine Chance

Warum tun wir so, als wäre Wohlstand in Deutschland für alle derselbe Wohlstand? Wenn jeder siebte Erwachsene bei einer Teuerungsrate von 7,3 Prozent (März 2022) kaum seine Lebenshaltungskosten bestreiten kann, dann hat doch schon vor dem Ukraine-Krieg etwas nicht gestimmt und war nicht in einer sozial gerechten Balance. Natürlich hat hier die Gesellschaft namentlich die Politik Handlungsbedarf – und zwar pronto! Aber wir sollten die Ärmsten der Armen nicht immer vorschieben, um uns davor zu drücken, für unsere eigenen Fehler zu bezahlen.

Was wir in Deutschland dringendst brauchen, ist eine differenzierte, kritische Auseinandersetzung über unsere Form von Wohlstand. Wir sind das einzige Land in dieser Welt, das völlig selbstverständlich und sinnlos auf der Autobahn einem verschwenderischen Spritverbrauch nachgehen kann. Und das mit Autos, die immer schwerer, größer und „verSUVener“ geworden sind. Von einer Autoindustrie produziert, die selber anfängt, den Überblick über ihre designte Typenvielfalt zu verlieren.

Oder schauen wir uns das sogenannte Modedesign an, wo Fast Fashion inzwischen schon die Grenzen zur Obszönität überschritten hat. In wie vielen Kleiderschränken liegen mehr Hemden und Blusen, als der Monat Tage hat? Wenn der Kleiderschrank der Wohnung zu klein wird, muss das Eigenheim her. Wissend, dass das nicht nur aus ökologischen Gründen inzwischen zu einem Anachronismus geworden ist. Und weil die Pflege des Steingartens und das Bedienen des Rasenmäher-Roboters so anstrengend sind, muss es in den Urlaub gehen. Klar, zwei besser drei Mal im Jahr in den Flieger steigen und es sich bei All-inclusive richtig gut gehen lassen – muss schon sein. Ach ja, und frische Brötchen hätten wir um 20 Uhr doch bitte auch noch.

Ich bin zu polemisch? Sorry, aber die allermeisten Menschen auf dieser Welt hätten gerne unsere Probleme. Es ist an der Zeit, dass wir uns tabulos über unseren Wohlstand und seine Auswüchse im Konsum unterhalten. Auch ohne Krieg und seine Folgen hätte die Diskussion angestanden. Vielleicht ist das auch eine Chance, wieder zu lernen, dass der materielle Reichtum nicht gleichbedeutend mit Sinnhaftigkeit ist. Wenn das Auto einen Stern haben muss und dann dafür kein Geld mehr für den Nachhilfe-Unterricht der eigenen Kinder da ist, dann stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht mehr. Ich denke, dass große Teile unserer Gesellschaft ohne weiteres auf ein Stück ihres Wohlstandes verzichten können, ohne entscheidend an Lebensqualität einzubüßen.

Wir sollten dem Begriff „Vernunft“ wieder eine Chance geben! 

Link: https://www.stern.de/wirtschaft/ist-deutschlands-wohlstand-in-gefahr–wie-der-krieg-zu-verzicht-zwingt-31761704.html

Bildquelle: PhotoAlto (James Hardy)