Semiotik in Zeiten des Existenzkampfs

Auch ich bin mehr als erstaunt, wie schnell sich dieser Paradigmenwechsel in der Öffentlichkeit vollzogen hat. Der Grund: Ein Krieg ist real und nicht nur fiktiv denkbar, menschliches Leid ist spürbar und nicht nur medial anwesend, Brutalität ist seelisch schmerzend und nicht mehr übersehbar. Die Folge ist, dass wir uns in unserem bequemen Kokon einer reichen Wohlstandsgesellschaft nicht mehr unverwundbar fühlen – diese Illusion hat ihr Mindesthaltbarkeitsdatum spätestens seit 2013/14 überschritten.

Ich denke, dass diese Unmittelbarkeit der Wucht eines Angriffs- und Vernichtungskrieges unseres „Geschäftspartners in Sachen fossiler Energie“ gegen einen seiner eigenen Nachbarn unser gepflegtes „Nie wieder Krieg“-Mindset überrollt hat. Mich trifft es, wenn Harald Welzer in seinem provokanten Kommentar die verwendete Form der Semiotik kritisiert, wie sie als „Ästhetik und Rhetorik des Krieges“ die 180 Grad-Drehung unserer Einstellung zum Krieg beeinflusst. Es geht um die überwältigende Macht der Bilder und die beeindruckende Kraft des Wortes. Wenn ein abgekämpfter und übernächtigter, aber souveräner Präsident im oliv-braunen Hemd uns erklärt, dass seine tapferen Helden um ihr geliebtes Vaterland kämpfen und nicht aufgeben werden, dann lässt sich erkennen, dass die Wirkung auf uns bewusst und geplant stattfindet.

Ja, natürlich sollen die Bitten um Hilfe dadurch verstärkt werden. Geht es doch um nichts Geringeres als um sein Leben, das seiner Familie und vor allem um das Schicksal seines 40-Millionen-Volkes. Die Ukraine in Person ihres Präsidenten setzt nur genau die Mittel in einer dramatisch existenziellen Situation professionell ein, die in unserer übersättigten Informationsgesellschaft mit ihren verstopften Kanälen überhaupt noch Aufmerksamkeit finden. Im Übrigen sind das die Mittel, mit denen uns unsere Wirtschaft (visuelles und verbales Marketing) zu verschwenderischen, zerstörerischen Auswüchsen unserer Kultur verführt hat. Und dabei geht es vordergründig „nur“ um kommerzielle Interessen und nicht ums blanke Überleben.

Generell zu fragen ist nach der Relevanz der semiotischen Kritik angesichts der gigantischen Spannungsfelder einer neuen Weltordnung, die sich jetzt gerade abzeichnet. Wichtig finde ich den Diskurs über das Konzept einer Real-Politik, die mit transparenten, nachvollziehbaren und konsensfähigen Werten agiert. Wichtig finde ich den Diskurs über die Entwicklung einer wirtschaftlichen Zukunft unserer Gesellschaft, deren Wohlstand nicht auf Geschäfte mit Despoten zurückgeht und die Umwelt extrem belastet. Wichtig finde ich den Diskurs über eine konkrete Utopie, die sowohl den globalen Krisenmodus als auch die nationalen Prosperitätsentwürfe integriert.

Wir brauchen wieder eine Utopie, weil die Zeit vor 2019 endgültig Geschichte ist …

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Bildquelle: DigitalVision