Deutschland 3.0: Es geht ans Eingemachte

Diese Bauernweisheit stammt noch aus der Zeit, als es die Bundesrepublik 1.0 gab. Da sorgte man für den Winter vor! Als Kind begeisterte es mich jedes Mal, wenn ich in den Kellerregalen die Einmachgläser mit Birnen und Bohnen, Kirschen und Karotten sah. Wenn es also zuhause ans Eingemachte ging, wusste ich, dass die kalte Jahreszeit begann und frisches Obst und Gemüse erst wieder in einigen Monaten auf den Tisch kommt. Möglicherweise haben wir diese bäuerlichen Lebensweisheiten vergessen, könnte man denken, wenn man sich die aktuelle Situation der Zeitenwende in Deutschland anschaut. Die Generation unserer Großeltern wusste noch, dass sie selbst vorzusorgen hat. Ob wir aber an schlechte Zeiten dachten, als wir die Energiewende ignorierten und uns in die Abhängigkeit eines Despoten begaben? Oder ob wir unsere Demokratie und Wohlstand für völlig selbstverständlich und Trump nur für neues amerikanisches Infotainment hielten? Der Ukraine-Krieg riss uns mit einem lauten Knall aus unserem sonnigen Sommer-Schlaf im Schlaraffenland und katapultierte uns auf den Startblock für den Sprung ins kalte Wasser eines Paradigmenwechsels, der diesmal den Begriff tatsächlich verdient. Wir können uns nicht länger endlos über Recht und Unrecht einer Impflicht oder über Sinn und Unsinn eines Tempolimits auseinandersetzen, während wir mit überfallartigen Veränderungen konfrontiert werden, die die kognitive Flexibilität der Bundesbürger und ihrer Bürokratie aufs heftigste herausfordern. Das Tempo der notwendigen Erneuerung unserer Bundesrepublik wird möglicherweise viele überfordern, die sich in ihrer Komfortzone eingerichtet haben. Und doch müssen wir dringend handeln! Steht doch die Runderneuerung Deutschlands und Europas an, die ans Eingemachte geht! Ist doch gerade die Zukunftsfähigkeit unserer Republik neu zu definieren und auch zu konstruieren. Das ist eine große und wohl auch einmalige Chance, die sich bietet – sofern die Ursachen dieser Krise verstanden werden. Und hier zeigt sich das tatsächliche Maß unserer nationalen, sprich europäischen Lernfähigkeit für die Neujustierung unserer Gesellschaft inklusive ihrer Politik und Wirtschaft – was natürlich auch für meine Domäne gilt. Sehr neugierig bin ich, wie diese reagiert und welche Lehren sie daraus zieht. Ich denke, dass das Design intellektueller werden müsste, um an einem Diskurs in der Wissenschaftsszene teilzunehmen und Gehör zu finden. Daneben muss Design in Hochschulinstitutionen auch dringend cleverer werden, will es in den „ökonomischen Verteilungskämpfen“ der abnehmenden Ressourcen nicht untergehen. Zu begleiten ist dies durch eine intensive Diskussion um die Bedeutung des Designs anhand der Begriffe „Relevanz“ und „Substanz“ im Rahmen der gesellschaftlichen Innovierung. Ist Design nur “Nice-to-have“ in seiner Relevanz und liegt seine Substanz nur in der Verführung zum Konsum? Für mich unstrittig ist die hohe Bedeutung des Designs, allerdings weiß ich auch, dass der Stellenwert jeder Disziplin immer wieder verteidigt, neu aufgeladen und neu verhandelt werden muss. Und das geht ans Eingemachte …