Rettet uns die Unvernunft?

Ist das „expressive“ BMW XM-Design im Kontext der Zeitenwende noch vernünftig oder eher unvernünftig? Sind Waffenlieferungen an die Ukraine politisch unvernünftig oder sind sie doch der richtige Weg? Beide Beispiele finden parallel statt und scheinen wohl nichts miteinander gemein zu haben. Dabei verweist das Autodesign für mich auf eine Haltung, die auf ein Comeback der Zeiten vor 2019 hofft. Während die Waffenlieferungen nach meinem Verständnis darauf hindeuten, dass sich die Zeiten dramatisch geändert haben und dass es dafür ein Bewusstsein gibt. Was aber einer differenzierten Betrachtung bedarf, ist der Gebrauch des Begriffes „vernünftig“ als rhetorische Waffe des Beharrens und die pejorative Bedeutung von „Unvernünftig“ – siehe Beitrag in sueddeutsche.de. Eigentlich müsste sich jedem Philosophen der Magen umdrehen. Gehört doch „Vernunft“ zu den wichtigsten Grundbegriffen des menschlichen Daseins. Ihn zu einem rhetorischen Instrument zu degradieren, halte ich für geradezu verwerflich. Hinter summarischen Bewertungen, die häufig apodiktisch inszeniert werden und dahinter liegende Interessen verschleiern, fehlt in der Regel eine dezidierte Argumentation mit Pros und Contras. Der Gebrauch von „vernünftig“ scheint häufig mit der Erhaltung des Status quo zu korrelieren. Während „unvernünftig“ oft diesen infrage stellt und an ihm zweifelt. Vernunft klingt angepasst und risikoscheu. Die Unvernunft hat rebellische Elemente und schwimmt gegen den Strom. Der vernünftige Mensch hat Freunde und bisweilen auch Höflinge, wobei sein Pendant, der unvernünftige Mensch, häufig mehr Feinde hat und ihm unverhohlen mit Misstrauen begegnet wird. So erging es dem dänischen Pritzker-Architektur-Preisträger Jørn Utzon (1918–2008) mit seinem Entwurf für das Sydney Opera House. Heute hat das Gebäude seine „unvernünftigen“ Kosten um das Zigfache eingespielt und ist zur Ikone für den Kontinent geworden. Das Beispiel und viele andere auch zeigen, dass die sogenannte Unvernunft eine direkte Beziehung zur Innovation haben kann. Unvernunft und Kreativität sind die eineiigen Zwillinge, deren Bewegungsdrang oft mit ADHS verwechselt wird. Ja, ich will eine Lanze für die Unvernunft in diesen Zeiten brechen, weil Kreativität die Innovation will, ohne die unsere Gesellschaft keine Chance auf eine erfolgreiche Transformation hat. Ist doch unvernünftig nicht das Gegenteil von vernünftig, sondern oftmals nur das Vorstadium und noch öfter sein Korrektiv. Und in den kreativen Berufen ist die Unvernunft die Prämisse für neue Ideen und Konzepte. Nicht vergessen: Die Vernunft braucht die Unvernunft wie die Tradition die kreative Zerstörung zur Erneuerung braucht!

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