Ist es (nur) eine Systemkrise oder leben wir in einem Krisensystem?

Werden wir ab sofort Professionalität in der Wirtschaft neu bewerten? Nehmen wir die Worte des WEF-Vorsitzenden Klaus Schwab ernst, kann man die Frage eindeutig mit Ja beantworten.

Wir werden WirtschaftsmanagerInnen brauchen, die seriös und glaubwürdig versuchen, “das große Ganze“ ins Blickfeld ihres Tuns zu rücken. Die es also schaffen, das, was außerhalb der Fahrrinne ihres Unternehmens passiert, zu bemerken und zu beschreiben, es zu bewerten und mit zu bewegen. So wie die PolitikerInnen auch direkt Wirtschaft machen, so werden die ManagerInnen der Unternehmen auch Politik machen müssen.

Wenn eine „Green Economy“ die Welt wieder halbwegs in eine Balance bringen kann, dann geht das nur mit den Menschen in den Unternehmen, die jeden Tag die Wirtschaft lenken, steuern und gestalten. Wie spätestens seit der Pandemie und dem Ukraine-Krieg deutlich erkennbar, rudern Politik und Wirtschaft gemeinsam in einem Boot und das in einem Wasser, das langsam steigt und immer wärmer wird. Allerdings scheinen die Protagonisten aus Politik und Wirtschaft unseres marktwirtschaftlichen Systems zu glauben, dass es sich bei diesen „Störungen“ nicht um strukturelle Krisen, sondern um einen Fehler in der linearen Kurve nach oben handelt. Wenn diese Mentalität nicht umgehend korrigiert wird, entwickelt sich aus der Systemkrise ein permanentes Krisensystem. Ob in den Peergroups der EntscheidungsträgerInnen zu gleichförmig gedacht und agiert wird? Braucht es vielleicht einen chaotischen Kopf, der die brave Ordnung im Echoraum der ManagerInnen durcheinander bringt?

Chaos als Metapher für den Antagonisten, der aus trägen Systemen mit gedankenlosen Routinen wieder antizipierende Akteure mit Gestaltungsambitionen für ihre Zukunft macht. Komplexität lässt sich nicht nach Kochrezepten kontrollieren, es braucht die offene Kreativität für eine innovative Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse!

Damit Politik und Wirtschaft diese Überlebensaufgabe bewältigen, ist eine engagierte Zivilgesellschaft mit kritischen Bürgern vonnöten, die nicht vor Konzern-Tycoons vor Ehrfurcht auf die Knie fallen, sondern deren gesellschaftliche Verantwortung auch eindringlich fordern – notfalls auch durch den konsequenten Verzicht auf deren Produkte und Dienstleistungen.

Wenn in unserer modernen Gesellschaft die Politik das Korrektiv für die Wirtschaft ist und vice versa, dann kann sich das System auch erneuern. Voraussetzung ist, dass man nicht nur den eigenen Vorteil in der Global Society sieht, sondern die Konsequenzen für das Gemeinwohl. Eine Professionalität, die unter dem alleinigen Primat der Profitabilität steht, ist kurzsichtig und kleinkariert. Professionalität zeigt sich im erfolgreichen Handeln unter unscharfen, hochkomplexen und paradoxen Situationsanforderungen mit Blick auf die Überlebensfähigkeit des Gesamtsystems.

Professionalität als die neue Hand der Fatima, die uns vor dem bösen Blick der eigenen Inkompetenz schützt???

Bildquelle: DigitalVision