Nachhaltigkeit – Weltuntergang im Plural

Wenn ich mir als bundesrepublikanischer Babyboomer meine kleine Welt anschaue, dann denke ich, dass doch eigentlich alles im Lot ist. Und das ist es ja auch, weil meine Scheuklappen mein Sichtfeld und meine Wahrnehmung stark einschränken.

Aber wenn ich denn diese einmal vergesse aufzusetzen, dann stürzen viele katastrophale Nachrichten über mich herein, so dass ich mir meine Scheuklappen sofort wieder anlegen möchte. Was sicherlich die bequemste aller Reaktionen wäre, aber auch die riskanteste. Hat doch Verdrängung noch nie irgendein Problem gelöst und die alte Bürokraten-Weisheit „Erledigt sich durch Liegenlassen!“ ist auch nur eine dumme Ausrede für Faulheit.

Allerdings ist die Situation viel komplexer, unvorstellbarer, abstrakter und dramatischer als meine harmlose Einleitung. Wenn die SZ einen Beitrag mit „Wann ist Weltuntergang?“ titelt, dann mit gutem Grund. Wird doch so das Nichtdenkbare durch eine pointierte Frage der Hoffnungslosigkeit plastisch. Dennoch werden sich vermutlich viele Rezipienten einer Position entziehen – man kann ja nicht Für oder Gegen einen Weltuntergang sein! Im übrigen entscheidet das Mutter Erde ganz autonom, im Ernstfall werden wir eh nicht mehr gefragt!

Ich denke, dass sich viele Menschen sowieso nicht von solchen Beiträgen ernsthaft beeinflussen lassen. Grund dürfte sein, dass ein Weltuntergang ja auch etwas absolut Finales hat – und dagegen wehrt sich unser Überlebensinstinkt und klammert eine solche Katastrophe einfach aus. Auch die Aussage, „Sechs von neun ´planetaren Grenzen´ sind überschritten“ dürfte unser persönliches und gesellschaftliches Handeln überfordern. Sind wir ernsthaft bereit für Optionen, die uns sofort und strukturell in andere Bahnen lenken? Es musste doch auch erst der Ukraine-Krieg kommen, damit unsere seit gut 20 Jahren verschleppte Energiewende endlich Fahrt aufnimmt. Jetzt ist Dampf drauf und richtig teuer wird es auch. Ob der Inflation eine Rezession folgt, wird sich zeigen. Und vielleicht ist der Weltuntergang auch gar nicht der große Knall mit dem endgültigen Ende der Menschheit. Vielleicht sind es auch eher die kleinen Welten, die dann untergehen. Wenn der vertrocknete Acker des Bauern keine Ernte mehr abwirft, wenn der Strukturwandel der Automobil-Industrie zum Aus des einen oder anderen Zulieferers führt und damit der Arbeitsplatz wegfällt, wenn sich ganze Regionen entsiedeln und nur die Alten da bleiben, wenn immer weniger an die Demokratie glauben …

Und vielleicht sollten wir uns von der Vorstellung lösen, dass es einen Weltuntergang durch einen implodierenden Globus gibt. Vielleicht wird es eher wie im Blockbuster „Mad Max“ sein, wo die wenigen Menschen um ihr existenzielles Minimum brutal gegeneinander kämpfen? Wer weiß …

Link: https://www.sueddeutsche.de/wissen/planetare-grenzen-klimawandel-umweltschutz-1.5588669

Bildquelle: PhotoAlto (James Hardy)