Nachhaltigkeit: Ruhe! Ich muss nachdenken

Es gibt Menschen, die haben auf ihren Schultern zwei kleine rhetorische Figuren sitzen, die sie ständig bequatschen. Dabei will der Mensch allerdings selber ja auch zwischendurch seine eigenen Gedanken sortieren. Auch ich gehöre zu denen, die von rechts und von links ständig zugetextet werden. Die links sitzende Schwatzbacke scheint in der Tendenz eher positiv zu sein und sich in ihren Einschätzungen optimistisch zu geben. Auf der rechten Seite sitzt eine ehe griesgrämige Labertasche, die ständig rummosert und pessimistische Kommentare abgibt. Dazwischen steht mein Kopf und versucht immer, beide zu verstehen und sich daraus eine eigene Meinung zu bilden. Nicht einfach in diesen Zeiten!

So haben wir also zu dritt das Interview in der Süddeutschen Zeitung „Diese Krisen könnten Feuerwerke der Kreativität entfachen“ mit Sinan von Stietencron, Philosoph und Künstler, gelesen. Ich selber war noch gar nicht fertig, da quatschte mich von der linken Seite der kleine Optimist an und schien zu frohlocken. „Sag´ ich doch!  Krise macht kreativ und Not erfinderisch! Super, der Typ.“ Sofort führte sich rechts provoziert und konterte: „Hast es gelesen, aber nix verstanden! Es gibt keine Not und deswegen gibt es bei uns auch keine Erfindungen. Es mangelt am Mangel! Und die Krise wird nur über das dünne Konjunktiv mit der Kreativität verbunden.“ Ich holte tief Luft und rief laut: „Ruhe! Ich muss nachdenken.“

Immerhin fand hier der Versuch statt, die Beziehung zwischen Natur und Kultur mit der Menschheit als Bindeglied zu beschreiben und zu bewerten. Der Mensch? Jeder ist anders und das mit gutem Recht. Menschen zu verstehen war nie einfach und aktuell eine echte Herausforderung.

Als ich zu einem vermutlich klugen Satz ansetzen wollte, da meldete sich der kleine Pessimist: „Kapiert ihr beide es nicht? Seid dem 4. Mai leben wir auf Kosten der jungen Generation und verschwenden deren Zukunft. Und das Schlimmste dabei ist, alle haben sich daran gewöhnt. Den Earth Overshoot Day gibt es seit über 60 Jahren. Was versteht ihr beide daran nicht?“ Zugegeben, das ist nicht von der Hand zu weisen. „Papperlapapp, du selbst ernannter Chef-Schwarzseher und Fan der Apokalypse. Der Mensch ist lernfähig und gräbt sich nicht sein eigenes Grab. Gerade wurde der Klimaclub von Olaf Scholz und den anderen G7-Mitgliedern gegründet. Das wird den Klimaschutz beschleunigen.“ Wie gerne würde ich das glauben! Mein Pessimist links hatte Schnappatmung: „Das ist ein Romantiker, ein Träumer, dieser von Stietencron! Der spricht von Feuerwerk und woanders knallt es richtig und Menschen sterben.“ Während meine beiden „Freunde“ weiter geiferten, versuchte ich für mich ein Fazit – es gibt die Chancen, wir dürfen sie nur nicht zerreden.

Dafür aber müssen wir unser Hamsterrad verlassen, um in Ruhe nachdenken zu können und erst dann zu handeln …

Link: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/wolfratshausen/wolfratshausen-nantesbuch-stiftung-kunst-und-natur-sinan-von-stietencron-art-science-festival-1.5610847

Bildquelle: John Foxx Images