Gesellschaft – das Comeback von schneller, höher, stärker denken

Ob Deutschland umdenken kann? Umparken kann diese Auto-Nation ganz sicher! Durch die Titelgeschichte der Zeit vom 30.6.2022 fühlte ich mich schon ein wenig provoziert – zum Nachdenken. Ja, das Denken – gar nicht so einfach …

Bei meinem Doktorvater hing an der Tür zu seinem Büro der Joseph Beuys zugerechnete Ausruf „Wer nicht denken will, fliegt raus!“. Angeblich sollte diese Aussage während der Documenta 1977 sein Team zum eigenständigen Denken auffordern. Wie schwer allein das Mitdenken heute wohl sein muss, kann man just an der laufenden Documenta sehen, die eine Antisemitismus-Debatte losgetreten und das Projekt nachhaltig in Misskredit gebracht hat. Offenbar ohne sich dabei etwas zu denken. Man kann es den Kritikern an dieser Kunst und ihrer Selbstgefälligkeit nicht verdenken, wenn hier grundsätzlich ein Überdenken der Veranstaltung und seiner Organisation gefordert wird.

Die Aufforderung, viele Dinge stärker zu durchdenken, wird immer lauter. Merken wir in Deutschland doch gerade, wie wir uns selbst durch das Nicht-zu-Ende-denken in eine fast manövrierunfähige Situation gebracht haben. Der Überfall auf die Ukraine hat gezeigt, wie sehr wir durch Fokussierung auf die operative Ebene der Politik erpressbar und von Russlands fossilen Energieträgern abhängig geworden sind. Ein Denken in höheren, strategischen Dimensionen hat gefehlt. Mir ist dadurch einmal mehr deutlich geworden, welchen Wert das Denken an sich hat und wie fatal es ist, wenn falsche Werte das Denken einer ganzen Nation leiten. Wenn also von Umdenken die Rede ist, dann sprechen wir auch von Werten als Konstrukt und Korridor, um zu dezidierten und belastbaren Erkenntnissen zu kommen.

Als sehr herausfordernd empfinde ich im Kontext des Krieges die Debatte um den (Stellen-)Wert von Wirtschaft. Vermeintlich billige Lieferanten kommen uns jetzt teuer zu stehen. Ebenso spannend finde ich im Kontext der Pandemie den Wert von Wissenschaft. Eine gut funktionierende Forschung in Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften hat uns sehr geholfen – gerade weil die Bekämpfung der Pandemie komplex und aufwändig ist. Dabei hat sich für mich aber auch gezeigt, dass die Politik in der Leistung des Vordenkens noch Luft nach oben hat. Allein nur die Vorbereitungen (Juli 2022) für die nächsten Wellen der Pandemie verlaufen alles andere als optimal. Aber auch die Administration als Kopplung von Bürgern und Politik muss in der Disziplin Mitdenken zulegen. Sind doch die Reaktions- und Realisierungszeiten schon im Normalbetrieb nicht schnell genug.

Insgesamt gilt aber nach meinem Erleben der letzten Jahre, dass Deutschland das Comeback braucht – Citius, altius, fortius. Ja, wir müssen nicht nur schneller und höher denken, sondern auch tapferer und mutiger …