Fortschritt ja, aber wie hoch? 

Um diese verschiedenen, aber parallelen Entwicklungen in ihren Konsequenzen belastbar beurteilen zu können, bräuchte ich Wissen in einem Umfang, das mich als Einzelner überfordert. Deswegen bin ich auf meine Fantasie angewiesen, die wichtiger als Wissen ist, wie immerhin Albert Einstein bemerkte. Meine Form der Fantasie (Interpretation, Inspiration und Imagination) war nicht nur stark gefordert, sondern im Grund auch schwer geschockt.

Vielleicht war es die Dichte der Informationen und die Eindringlichkeit des Kommentators der ZDF-Dokumentation „Utopia – Irre Visionen in Silicon Valley“ von Angela Andersen und Claus Kleber (2022). Jedenfalls ist die Doku sehr zu empfehlen, allerdings sollte man sich anschließend die Zeit zum intensiven Nachdenken gönnen. In meiner Rezeption durchlief ich so ziemlich alle Gefühlszustände, die man auf der Couch in einer dreiviertel Stunde haben kann.

Irgendwie bin ich immer wieder von der Allokation an finanziellen Mitteln überwältigt, die die Entwicklung und Einführung neuer technischer Systeme ermöglichen, deren Struktur das Potenzial der Entmachtung ganzer Demokratien hat – siehe Metaverse. Aber vielleicht kommt es ja gar nicht so weit, weil wir inzwischen die Erde unbewohnbar gemacht haben und den Mars besiedeln werden – siehe Space X. Wenn der Mars kolonialisiert wird, bin ich sicher schon in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Ohnehin würde ich mir und meiner Familie das wohl kaum leisten können.

Fasziniert haben mich als Designer die Technik und die Gestaltung der Flugtaxis – siehe Kitty Hawk. Als kritischer Bürger frage ich mich, wenn wir schon die Mobilität auf Schienen und Straße nicht hinkriegen, warum müllen wir dann den urbanen Luftraum zu? Mein Verständnis von Design als praktische Alltagskultur wurde auf eine harte Probe gestellt, als ich die Perfektion der Avatare und des Weltendesigns für die Branche der Games sah. Der eigentliche Sinn dieser Technik, nämlich Flucht vor der Realität, verstörte mich doch ein wenig. Sollten wir nicht besser die Realität so gestalten, dass wir keine Fluchtorte brauchen?

Irritiert hat mich auch die Aussage, dass wir Technik brauchen, um zu verstehen, „was es bedeutet, ein Mensch zu sein“. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich der tiefen Überzeugung, dass die Menschheit inzwischen dieses Privileg verstanden hat. Interessant auch, dass insbesondere Männer diese Aura des unbesiegbaren Machertums versprühen – bis auf Jaron Lanier, Guru des Silicon Valley, mit deutlichen Warnungen an die Gesellschaft. Was im Übrigen von beiden Frauen, die zu Wort kamen, bestätigt wurde – Frances Haugen und Margrethe Vestager. Die ganz unprätentiös einem skrupellos erscheinenden Fortschrittskapitalismus die Stirn bieten. Respekt!

Aber eventuell kommt alles ganz anders – der Klimawandel lässt alle Träume platzen und wir müssen wieder lernen, wie man ohne Streichhölzer Feuer macht …

Link: https://www.zdf.de/nachrichten/digitales/silicon-valley-doku-claus-kleber-100.html

Bildquelle: DigitalVision