Gesellschaft – Sprache spaltet oder verbindet. Was wollen wir? 

Sie kann es! Wir sollten hinhören und von ihr lernen. Amanda Gorman schafft diese wundervolle Synergie zwischen Form und Inhalt, zwischen Sprache und Botschaft, zwischen Schreiben und Denken. Dabei geht es nicht um das Selbstzweckhafte gelungener Rhetorik oder gar um die Attitüde geübter Rhetoriker, sondern um die Gestaltung der Beziehung zwischen Menschen.

Wir alle wissen um die Macht des Wortes und die Kraft der Kommunikation, reduzieren diese aber zu oft auf deren instrumentelle Funktion. Nein, keiner von uns muss Amanda Gorman nacheifern, aber jeder sollte zumindest zunächst den Respekt vor dem Zuhörer, dem Auditorium haben. Sprache kann verbinden! Es ist eine solche Philanthropie, die dem anderen das Gefühl seiner Gleichberechtigung und damit seiner Akzeptanz vermittelt. Ein Sprecher sollte auch immer wissen, ob und was er Wichtiges mitzuteilen hat. Das drücken nicht nur die Sätze und Worte aus, sondern das zeigt auch das bewusste Bemühen um unverstellte Authentizität. Im Übrigen darf man auch nicht den anderen besiegen, sondern einen ehrlichen Austausch auf Augenhöhe wollen.

In meinem Berufsleben habe ich viele Menschen kennen gelernt, die kein großes Showtalent hatten, dafür aber mitreißende Reden hielten. Sie waren nicht genial in der Findung einer Syntax, aber sie hatten eine Botschaft, waren überzeugend und glaubwürdig als Person. Ihre Kompetenz und ihre Expertise füllten den Raum durch Sprache – eine wichtige Voraussetzung. Wird doch die sinnliche Wirkung von Austausch durch Kommunikation immer wichtiger!

Sehen Sie sich die vielen Diskussionen um die Documenta 15 und den Antisemitismus an. Die immens wichtigen Feinheiten der Argumentationen verloren sich im lauten Krakeele – eine große Niederlage für das Kunstmanagement, weil es an Sensibilität für die (politische) Krisenkommunikation fehlte. Oder schauen Sie sich die Begrifflichkeiten in den Medien an, wenn es um die Bewertung der Leistungen unserer aktuellen Regierungsmannschaft geht – da ist doch den pejorativen Superlativen keine Grenze mehr gesetzt. Hier wird Sprache zur Waffe und die soll große Löcher in die Reputation des anderen schießen. Extremismus statt Lösungssuche?! So kann Sprache spalten! Völlig unangemessen und absolut nicht zielführend in dieser historisch einmaligen Situation.

Wenn wir tatsächlich Begriffe wie Zeitenwende, Transformation, Grand Challenges ernst nehmen, dann sollten wir auch wissen, dass es ohne eine die Menschen wertschätzende und mitnehmende Kommunikation nicht geht. Was wollen wir?

Link: https://www.sueddeutsche.de/kultur/amanda-gorman-un-rede-new-york-klimapolitik-1.5660360

Bildquelle: DigitalVision