Die Einsamkeit der Weltverbesserer

Erneuerung braucht den Widerspruch und die Wachheit der manchmal kantigen, borstigen, eigensinnigen und auch eigenartigen „Weltverbesserer“. Eine solche Haltung kann aber einsam machen! Der Grund kann darin liegen, dass das Publikum unangenehme Wahrheiten (“Der Wohlstand steht zur Disposition!“) zwar schon ahnt, aber weiter ignorieren will. Oder weil es meint, dass es damit selber („Die Grenzen des Wachstums“) nichts zu tun hat, weil andere gemeint sind. Das geliebte Publikum muss also nicht immer mit seinen Reaktionen richtig liegen. Es lehnt die Position des Denkers und Redners ab, weil dieser seinem Auditorium zum Beispiel eine tiefgreifende Verhaltensänderung nahe legt oder aber eine Zukunft skizziert, die unangenehme Folgen für alle haben könnte.

Sollten die DenkerInnen in der Selbstüberprüfung zum Schluss kommen, dass ihre Position mit Fug und Recht zu vertreten ist, ist die Einsamkeit – zumindest für eine Zeit – die bessere Gesellschaft. Weltverbesserung passiert gegen den Strom und nicht im Mainstream! Ich denke, dass die weltweite Situation aktuell so manchen Menschen zum einsamen „Rufer in der Wüste“ macht. Möglicherweise sind die drastischen Krisen dafür verantwortlich, dass ein konfliktscheuer Kuschelkurs gepflegt wird, der eine Cancel Culture befördert und so manchen ausgrenzt.

Der Grund für diese extreme Reaktion findet sich möglicherweise in der Radikalität, dem Tempo und der Komplexität, die diese Umbruchzeiten auszeichnen und die den einen und anderen auch überfordern. Na ja, und dann kommt auch noch hinzu, dass die „Weltverbesserer“ nicht von allen Menschen gemocht werden. Ablehnung und Missachtung können damit einher gehen. Was nicht dazu führen darf, dass die (vorläufigen) Minderheitsansichten ignoriert werden und als nicht dialogwürdig gehandelt werden.

Dass Erneuerung ein kontinuierlicher und vor allem ein geplanter Prozess sein muss, wird häufig nicht gesehen. Ist doch das Festhalten an bestehenden Strukturen sehr viel bequemer und verlangt dem Einzelnen weniger ab. So wird der Status quo zementiert, an dem nicht gerüttelt werden darf. Was dann passiert, lässt sich recht gut nach politischen Wahlen beobachten. Dann wird häufig in den Verlierer-Parteien erkannt, dass die notwendige Erneuerung versäumt wurde und aktionistische Reaktionen folgen – neue Köpfe werden gefordert und schärfere Profilierung tut auf einmal not. Als ob sich das inhaltliche Programm einer Organisation wie mit einer Fernbedienung umschalten ließe. Nicht nur in Krisenzeiten, sondern selbst wenn man glaubt, in der besten aller Welten zu leben, braucht es progressive Ideen und Experimente, um nicht ins politische Wach-Koma zu verfallen.

Andernfalls wird es selbst um Volksparteien eines Tages recht einsam. Vielleicht fehlt dort der Dialog mit den „Weltverbesserern“?

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