Nicht beim Duschen, beim Denken passiert es

Je älter ich werde, desto unduldsamer werde ich in einigen Dingen. Hierzu gehört die Konnotation vieler Berichte in den Medien über Kreativität. So auch hier, wenn behauptet wird, dass die besten Ideen beim Duschen entstehen. Für Menschen, die mit ihrer Kreativität ihren Lebensunterhalt verdienen, müsste das wie blanker Hohn klingen. Warum soll die Wirtschaft viel Geld für gute Ideen bezahlen, die der Kreative während der Morgentoilette gebiert?

Ich halte Kreativität für eine zentrale Kompetenz, deren Seriosität sich durch harte Arbeit am Problem immer wieder neu bewähren muss. Kreativität ist ein voraussetzungsvoller und synthetisierender Prozess, der aus Information Inspiration und aus Wissen Wertschöpfung kreiert. Es ist ein Geduldsspiel der Gedanken, das aus den Ideen des Idealen eine oder gar mehrere intelligente Innovationen hervorbringt. Der „normale“ Prozess behandelt Probleme in einem hochkomplexen Setting aus Kriminalfall („Was hat das Problem verursacht?“) über Arztdrama („Welche Therapie kommt zur Anwendung?“) hin zu Science Fiction („Welche Form der Utopie einer Lösung ist angemessen?“). Dabei können kreative Menschen in verschiedenen innovationsorientierten Projekten parallel arbeiten, was übrigens nichts mit Multitasking zu tun. Wohl brauchen sie dafür sowohl neue Quellen der Inspiration als auch ruhige Momente des Reflektierens. Das Eine beflügelt die Fantasie und schafft zusätzliche Optionen, während das Andere die konzeptionellen Leitgedanken befördert. Im konkreten Einzelfall kann das vom „Kaffeekränzchen“ am Arbeitsplatz bis hin zum Museumsbesuch mit KollegInnen reichen.

Abgewechselt werden diese Phasen durch diverse Explorationen in neuen Wissensgebieten und durch das eine oder andere Experiment mit bis dato nicht-kombinierten Lösungselementen. Der kreative Mensch erfährt Kreativität vor allem auch als sozialen Prozess – nämlich im Team. So sollten seine individuellen Fähigkeiten ebenso durch die Form der Kreativität mit anderen Menschen geprägt sein. Ist doch die Kompetenz im Design eine, die von der intradisziplinären bis hin zur transdisziplinären Kollaboration geprägt ist.

Ich denke, es ist ein grundlegend anderes Verständnis von Kreativität, das Studien wie der hier vorgestellten zugrunde liegt. Kreativität wird nämlich auf die Impulshaltigkeit einer Idee reduziert, die Teil einer Kreativitätsmethode ist und kein Problem löst. Das steht im Gegensatz zu einer Kreativität, die sich als integrierter Bestandteil von Problemlösungsprozessen versteht, deren Ausgangsbedingungen unscharf sind und deren Ergebnisse auf wettbewerbsfähige und zukunftsträchtige Innovation zielen. Solcherart professionell verstandene Kreativität ist höchst anspruchsvoll und in der Regel langwierig – also selbst durch häufiges Duschen nicht zu verkürzen.

Ich denke, es ist an der Zeit, dass sich die Kreativen selber mit Kreativität wissenschaftlich befassen …

Link: https://www.welt.de/kmpkt/article241518767/Duschen-Darum-bist-du-hier-besonders-kreativ-laut-Studie.html?icid=search.product.onsitesearch

Bildquelle: digitalSTOCK