Hochschule zwischen Welt retten und Wettbewerb

Es ist der wahrscheinlich wundervollste Job der Welt in einem der wundersamsten Systeme. ProfessorIn an einer Hochschule oder Universität sein zu dürfen, ist ein großes Privileg. Die „Freiheit von Forschung und Lehre“ bietet WissenschaftlerInnen ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die Alma Mater ein Ort der differenziertesten Partikularinteressen ist, den ich in meinem Berufsleben kennengelernt habe.

Die Hochschule hat neben ihrem Innenleben auch eine Umwelt, mit der sie direkt und indirekt kommuniziert. Diese Beziehung ist nicht so selbstverständlich wie bei Unternehmen, deren Existenz davon abhängt, dass ihre Kunden das Unternehmen und seine Produkte kennen und kaufen und dass sie im Wettbewerb mit anderen bestehen. Deswegen gibt es dort Spezialisten in der Produktentwicklung und die Generalisten im Management, die ihren Markt beobachten und auf Veränderungen reagieren. Vernachlässigen sie ihre wettbewerbliche Professionalität, landen sie auf dem Helden-Friedhof der Wirtschaft und sind Geschichte. Eine solche Kultur des Konkurrenzkampfes gibt es im System „Hochschule“ nicht, was seine Vorteile und – wie man aktuell sieht – auch Nachteile hat. Einer der Vorteile ist, dass man als ProfessorIn die volle Ressource in die stete Fortentwicklung der eigenen fachwissenschaftlichen Disziplin stecken kann. Der Nachteil ist, dass negative Veränderungen nicht frühzeitig antizipiert werden.

So zeigt sich, dass Hochschulen mit der Situation ausbleibender Studierender wohl überfordert sind. Sie verkennen, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt, wenn sich über einige Semester eine degressive Entwicklung der Studierendenzahlen zeigt. Es gilt wohl, dass die Existenz eines Studienangebots ausreicht, um die nötige Nachfrage zu bekommen. Hier muss neues Verständnis entstehen, um flexible Handlungsoptionen zu generieren. Im Marketing würde man konstatieren, dass sich der Verkäufer- zum Käufermarkt gewandelt hat und / oder dass der bisherige Markt nicht mehr wächst und ein Verdrängungswettbewerb zwischen den Anbietern entsteht. Oder, dass so manche Hochschule inzwischen Standortnachteile hat, die es zu kompensieren gilt. Oder, dass das Angebot unter den neuen Rahmenbedingungen nur noch eingeschränkt wettbewerbsfähig ist. Es geht nicht darum, die Prinzipien von Marktwirtschaft auf die Hochschule zu übertragen, sondern um die Erkenntnis, dass Existenz nach altem Muster allein nicht ausreicht, um auf seine Kapazitätszahlen zu kommen.

Die jungen Menschen (z.B. Fridays for Future) wollen mit ihrem Anspruch, die Welt zu retten, ernst genommen werden. Sie wollen nicht nur Wissen repetieren, sondern in der Hochschule lernen, wie man den großen Herausforderungen der Welt begegnet und Probleme löst. Wer als Hochschule das akzeptiert, hat gute Chancen auch weiterhin ein attraktiver Ort für die Studierenden zu bleiben …

Link: https://www.jmwiarda.de/2022/10/28/der-wettbewerb-dem-sich-die-hochschulen-jetzt-stellen-müssen/

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