Spannender als ein Krimi

Es gibt an den deutschen Design-Hochschulen immer noch diese unsägliche Trennung zwischen Theorie und Praxis. Und dann wird auch noch die Theorie mit der Design-Geschichte in einen Topf geworfen. Was für ein Anachronismus in einer modernen künstlerisch-wissenschaftlichen Disziplin! Dabei ist die Karawane der Entwicklung längst weitergezogen und stellt sich den großen Herausforderungen. Eine davon ist die Kreislaufwirtschaft, die sich – zumindest bei mir – durch das Buch „Einfach intelligent produzieren“ von Michael Braungart und William McDonough in das Bewusstsein eingegraben hat. Das Konzept Cradle-to-Cradle (C2C) wurde von den Autoren Ende der 1990er-Jahre in den USA, in Deutschland Anfang der 2000er-Jahre veröffentlicht. Ich erwähne dies, weil das C2C-Konzept inzwischen weit über 20 Jahre alt ist. Interessanterweise ist es eine Ko-Produktion zwischen einem Chemiker und einem Architekten. Wahrscheinlich bietet die Kombination von Natur-, Gestaltungs- und Technikdisziplinen mehr solcher Synergien?! Allerdings ist die Voraussetzung für die Schaffung derartiger Potenziale ein kreatives Verständnis von Interdisziplinarität. Deswegen freue ich mich auch immer, wenn ich auf ein Designverständnis treffe, das den Begriff der Planung stärker in seinen Fokus rückt.

In der ARD-Sendung „Wirtschaft vor acht“ (8.11.2022) wurde vor dem Hintergrund der Verknappung der Rohstoffe diese Grafik kommentiert. Für mich ist sie Sinnbild für ein sehr viel komplexeres Designverständnis als im herkömmlichen Sinn. Gemeint ist ein Design, das sich im Sinne einer wirtschaftlich-kulturellen Bedeutung und einer wissensintensiven, transdisziplinären Arbeitsweise versteht. Und dies in Ablösung eines klassischen Designverständnisses, das die ästhetische Gestaltung mit bildnerischem Entwurf zum Zentrum seiner Betrachtung gemacht hat. Gerade das Industrial oder auch Produkt-Design an den Hochschulen müsste nach meiner Einschätzung sehr viel breiter, intensiver und vor allem auch offensiver an elaborierten Konzepten arbeiten und sie dezidiert argumentieren sowie kritisch kommentieren.

Auch wenn die Grafik das Konzept der Kreislaufwirtschaft sehr plausibel und überzeugend darstellt, ist doch die Realität der industriellen Produktion davon noch sehr weit entfernt. Noch immer werden viel zu viele Produkte entwickelt, deren Rohstoffe nur zu einem geringen Anteil dem eigenen Kreislauf wieder zugeführt werden. Und wenn in unserer Gesellschaft das Gespenst der De-Industrialisierung zunehmend die Runde macht, könnte das Industrial Design Auswege aus diesen drohenden, strukturellen Verwerfungen aufzeigen und mit eigenen Ideen seine Kompetenzen verdeutlichen. So wie „Wirtschaft vor acht“ inzwischen viel spannender als jeder „Tatort“-Krimi ist, ist das komplexere und progressivere Designverständnis viel zukunftsträchtiger als das Entwerfen von Nischenprodukten. Aber dafür muss es aus der Theorie in die Praxis …

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