Tiefer, nachdenklicher und außerhalb der Komfortzone

Die Angst geht um. Unser aller Wohlstand steht unter Beschuss. Parallel macht das Gespenst der De-Industrialisierung die Runde. Und die Digitalisierung der Volkswirtschaft rumpelt so daher. Retten können uns nur noch die Innovationen, so im Focus nachzulesen! Okay, nur Dummköpfe denken, dass unser Erfolg als Exportnation ewig von allein weitergeht. Na ja, und dass eine wettbewerbsfähige Marktwirtschaft auf innovativen Produkten und Prozessen, Programmen und Performances beruht, ist nicht der neueste Hit.

Warum kommt in diese Diskussion nicht ein tieferer, nachdenklicherer Ton rein? Im Grunde bezweifelt doch kein Mensch mehr, dass unsere Gesellschaft kommunikativer, kreativer und innovativer werden muss. Ob da eine ganze Wirtschaft wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange sitzt? Oder ist das nur das irrlichternde und laute Pfeifen der schnell drehenden Medien im finsteren Wald? Oder denken wir wirklich, die Cleversten zu sein? Egal! Aber der Schiedsrichter der Geschichte hat uns schon die gelbe Karte für unser Versagen bei der Energiewende gezeigt. Bei der Abhängigkeit unserer Energie von Russland hätte er uns eigentlich Gelb-Rot geben und das als grobes Foulspiel ahnden müssen. Glück gehabt! Aber das ist kein Freibrief für ein „Weiter-so“.

Wir haben neu zu definieren – zum Beispiel Wohlstand. Lassen Sie uns doch einmal über die Schattenseiten unseres Reichtums sprechen. Über die Ungleichheit der Verteilung von Vermögen bis hin zur Dekadenz bei der Entsorgung des Lebensmittel-Überflusses. Der Trend zum Dritt-Auto hält an und mit Fast-Fashion müllen wir die Atacama-Wüste zu. Meine These: Wenn wir die Spitzen unseres Wohlstands kappen, vermissen wir nichts Existenzielles und tun – nebenbei – Gutes für die Umwelt.

Reden wir über die Digitalisierung: Nicht nur die Kunst des leckeren Smörrebröds lässt sich von den Dänen lernen, sondern auch wie man öffentliche Verwaltungsprozesse erfolgreich digitalisiert. Hier gibt es den politischen Willen als Impuls und Druck für Veränderungsprozesse. Der Anwendernutzen ist Basis für die digitale Transformation, Interdisziplinarität ist Voraussetzung.

Reden wir über Innovation: Es geht um das Wahrnehmen, Vernetzen, Interpretieren von vermeintlich voneinander unabhängigen Anstößen für Innovationen. Ob es sich um soziale, ökologische, technische, ökonomische, kulturelle oder organisatorische Probleme mit resultierendem Leidensdruck (!) handelt, bleibt dahingestellt. Ob das fahrerlose Auto ein tatsächliches Problem mit gesellschaftlicher Relevanz lösen würde? Oder wird die Geschichte es als Beispiel für Over-Engineering sehen?

Wollen wir unseren Wohlstand retten, müssen wir diesen mit den geänderten Spielregeln der Transformation neu definieren. Was genauso für Innovation gilt. Die Digitalisierung bleibt “Mittel zum Zweck”. Schon der Diskurs darüber sollte außerhalb der üblichen Komfortzonen ansetzen …

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