Aufwärts? Abwärts? Es geht weiter!

Je älter ich werde, desto mehr denke ich über Zukunft nach. Nicht über meine, die wird weniger, sondern über Zukunft im Allgemeinen. Es liegt an dieser persönlichen Phase des Abschmelzens von Zukunft als Potenzialität – weniger heißt bedeutsamer. Zu meinem Beruf als Designer gehörte es, über die Optionalitäten von Zukunft zu sinnieren und diesen dann eine Gestalt zu geben, über die sich diskutieren ließ. In der Regel wird Zukunft im Business in der Zeitform Futur I gehandelt, also die nahe Zukunft. Dieses Verständnis von Zukunft gleicht einem Fernsehprogramm – man meint zu sehen, was kommt. Diese Form von Zukunft ist immer stark an die Gegenwart geknüpft.

In meiner Lebensphase, in der Zukunft ein immer knapperes Gut wird, fesselt mich die Zeitform des Futur II. Was passiert, wenn die Wissenschaft richtig lag und sich die angekündigten Konsequenzen des Klimawandels realisiert haben? Was werden die Folgen sein, wenn die jetzigen Kriege ihr Ende – wie auch immer – gefunden haben? Welche Veränderungen werden Bundestagswahlen bringen, wenn sich die jetzige Regierungskoalition aufgelöst haben wird? Im Futur II, der vollendeten Zukunft, geht es um die Folgen der Zukunft …

Wir stecken in der Diktatur der Gegenwart fest und machen das, was diese uns befiehlt. Vielleicht meckern wir deswegen so gerne über die Gegenwart, weil wir so unsere Angst vor der Zukunft kaschieren. Und dadurch wird die Gegenwart auf einmal unendlich – „Und täglich grüßt das Murmeltier“. 

Zukunft ist die Anwesenheit von Gegenwart, und damit das Geschwisterchen, das mit ihr aufwächst. Damit sich seine „Kindheit“ positiv entwickelt, sind früh die richtigen Weichen zu stellen. Aber warum vernachlässigen wir die „Erziehung“ der Zukunft? Weil wir uns ständig um uns selbst drehen und immer alles hier und jetzt wollen, immer alles gleichzeitig und überall? Das könnte ein Argument sein, „warum die Gegenwart so kompliziert ist“. Zerstreuung als Lebensmodell? Ich denke, wir müssen wieder lernen, wie man sich auf seine Kapazitäten konzentriert und seine Ressourcen fokussiert. Zukunft braucht Zuwendung …

Gegenwart ist kompliziert, aber konkret, und Zukunft ist komplex, abstrakt, dynamisch. Zukunft ist nicht binär im Sinne von gut oder schlecht, sondern anscheinend offen. Ob das der Grund für unsere Angst ist? Oder ist es die Herausforderung der Gestaltbarkeit, die uns in unserer Lernfähigkeit überfordert? So können wir nicht mit den Begriffssystemen von gestern die Bilderwelten von morgen kreieren. Wenn die Zukunftsgestaltung keine neuen Perspektiven einnehmen kann, wird sie nur bekannte Probleme lösen und neue verdrängen. 

Da sich gerade eine neue Weltordnung entwickelt, ist Zukunft omnipräsent. Wir können ihr eine Richtung geben – aufwärts oder abwärts, aber auf jeden Fall geht es weiter! Und das wird die politischen und die alltäglichen Strukturen unserer Gegenwart nachhaltig verändern. Wie? Gestalten Sie mit! 

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Bildquelle: Eigenes Bild