Zukunft – Spektakel im Circus Maximus?

Was sind die Grundlagen einer Biografie? Ich bin zwar kein Experte auf dem Gebiet, aber für mich nachvollziehbar ist die folgende Behauptung: Ein Drittel machen die Gene aus, ein Drittel ist Ergebnis von Sozialisation und ein Drittel verantwortet man selbst. Auch wenn diese Faustformel keine wissenschaftliche Evidenz besitzt, hat sie für mich eine einleuchtende Plausibilität. Außerdem halte ich für interessant, dass hier gleich drei Wissenschaften zusammen eine These formulieren – die Biologie, die Soziologie und die Psychologie. Fände eine solche Interdisziplinarität statt, wäre es einen Tusch wert … 

Lassen Sie uns diese Annahme als Arbeitshypothese für das Verstehen und Planen von Zukunftsentwicklung nehmen – ein Drittel des Gestaltungsprozesses determiniert sich durch die Vergangenheit (Gene), das nächste Drittel findet sich in den gegenwärtigen Einflussfaktoren unserer Umwelt (Sozialisation), für das letzte Drittel sind wir allein zuständig (Eigenverantwortung) und können die Gestaltungsfreiheiten unserer Biografie nutzen. Und mit zunehmender Reife der Gesellschaft können die einschränkenden Faktoren aus Vergangenheit und Gegenwart zurückgedrängt und durch eigene Gestaltungsfreiheit erweitert werden – Zukunft wird zum persönlichen bzw. gesellschaftlichen Designprozess. 

Als Designer sieht man ständig Chancen zur Innovation und denkt (naiv?!), notwendige Veränderungen müssten doch schneller passieren. Vermutlich habe ich eine Déformation professionnelle, die mich auf die Palme treibt, wenn ich Deutschlands träges und bräsiges Verhältnis zur Zukunft sehe. Mich beschleicht der Verdacht, Deutschland ist im Rausch der Talkshows und nicht im Relaunch seiner Tatkräftigkeit. Zukunft als Spektakel im Circus Maximus? Statt Wagenrennen ein schneller Schlagabtausch von Statements? Und statt aggressiver Gladiatoren rhetorische Artisten in der Manege?

Vielleicht gibt es gar keine Zukunft, weil sie nur eine Erfindung der Linguisten für ihre Grammatik oder der Philosophen für ihre Traktate ist. Stutzig wurde ich durch die Aussage eines Neuropsychologen, der behauptete, dass wir Menschen gar nicht in der Lage sind, uns unsere Zukunft vorzustellen und zu fühlen. Wenn dem so ist, sind wir dann überhaupt zur Gestaltung unserer Zukunft fähig?

Die Vergangenheit unserer gesellschaftlichen Biografie bestimmt das gegenwärtige System, in dem wir integrierter Teil sind und das uns determiniert. Wir sind nicht frei. Unsere Reflexionsfähigkeit leidet an der komplexen Gegenwart, die keinen Freiraum des Nachdenkens zulässt. Dabei braucht die futurologische Perspektive für das Machbare die Antizipation des Möglichen – auf Basis von Wissen und Fantasie. Handeln und Realisieren, Kollaboration und Kooperation eröffnen Optionen für eine gemeinsame, gerechtere und globale Zukunft. Wir dürfen nicht länger unsere Verantwortung für die Zukunftsgestaltung auf die Vergangenheit delegieren.

https://www.sueddeutsche.de/medien/markus-lanz-tv-kritik-1.6322200

Bildquelle: Eigenes Bild