Transformation: Cui bono? Quis nocet?

Beim Verlassen des Kunsthaus Bregenz fiel mir eine Postkarten-Serie auf. Der Text, an dem ich hängen blieb: „Nach dieser idiotischen Zeit der Verschwendung und der Tatenlosigkeit fürchte ich jeden der keine Veränderung will“. Ein Satz, der meiner Gefühlslage entsprach! Er stammt von der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer aus ihrer Ausstellung „Truth Before Power“ in 2004.

Man kann Truth mit Wahrheit oder Richtigkeit, aber auch mit Wirklichkeit übersetzen. Und Power mit Macht oder Leistung. Richtigkeit vor Macht? Wirklichkeit vor Leistung? Meine Interpretation: Ehe ich konstruktiv etwas ändere, ist zunächst, die kritische Situation als solche zu verstehen. Im praktischen Leben (außerhalb der Kunst) ist genau das schon die erste Schwierigkeit. Wirklichkeit ist eine Frage der Wahrnehmung und die ist bekanntermaßen selektiv. Jeder hat sein eigenes Bias, was die Urteilsfähigkeit beeinflusst. Und an dieser Stelle spielen auch die verborgenen persönlichen Interessen eine große Rolle. In allen Erkenntnisprozessen, die auf Bewegung in sozialen Systemen zielen, müssen die Verantwortlichen den Cui bono- als auch den Quis nocet-Effekt analysieren. Aus der Ecke der „Geschädigten“ ist mit heftigsten Widerständen zu rechnen. 

In unseren Zukunftsprojekten haben wir es sehr häufig und in unterschiedlichsten Formen mit Organisationen zu tun gehabt, die sich erneuern, reformieren oder den veränderten Rahmenbedingungen ihrer Existenz anpassen wollten oder auch mussten. Dabei waren wir einerseits beteiligter Dienstleister als Büro und andererseits betroffene Angestellte, die funktional ins Change Management eingebunden waren. Es gab zwei zentrale Lernerfahrungen: In sozialen Systemen besteht eine immanente Unehrlichkeit, die motiviert ist durch den Erhalt der persönlichen Komfortzone. Und es ist ratsam, das Terrain frühzeitig zu erkunden und die Menschen auf wahrscheinlich kommende Änderungen vorzubereiten. Eine solche Management-Studie kann Widerstände und ihre unterstützenden Kräfte in Organisationen transparent machen.

Es liegt in der Natur von Zukunfts- und Innovationsprojekten, dass sich die verantwortlichen ProzessmanagerInnen auf dünnem Eis befinden und dementsprechend vor- und nachsichtig agieren müssen. Hierzu gehört anfangs eine „Diplomatische Anamnese“, die zeigen soll, dass die Transformation nicht mit der Abrissbirne geplant ist. Gleichzeitig soll die Anamnese zeigen, wo sich offene und versteckte Unverträglichkeiten zu Veränderungen befinden. Danach braucht es eine „Provozierende Diagnose“, die das soziale System aktiviert. Die ist Basis, um einen „Kooperativen Therapieplan“ zu erarbeiten, auf den die „Strategie der Transformation“ aufsetzt.

Braucht die Gestaltung unserer praktischen Zukunft Postkarten mit Botschaften aus der Kunst, die wachrütteln und die Sehnsucht nach Zukunft wecken?

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