Kopf in den Sand? Finger in die Wunde!

Warnungen, die offenbar Gehör fanden: Unser (Petra Kern, Ulrich Kern) Essay mit dem Titel „Die Zukunft ist nicht von gestern … aber vielleicht eines Tages die DesignerInnen?“ wurde gleich drei Mal veröffentlicht. Natürlich freuten wir uns über die Beachtung, aber vor allem über die Aufmerksamkeit für unsere Thesen.

Erstmals wurde unsere kleine Streitschrift in „Öffnungszeiten – Papiere zur Designwissenschaft 30/2016“ veröffentlicht. Auf Einladung von Felicidad Romero-Tejedor, Professorin an der Fachhochschule Lübeck und Spiritus rector der Publikation, unternahmen wir einen Streifzug durch die Desiderate des Designs und betonten die Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft – sowohl für die eigene Professionalität als auch für die der Artefakte unserer Umwelt.

Vier Jahre später schrieben Pia Kleinherne und Celia Krämer ihre Bachelor-Thesis an der Münster School of Design und baten um Abdruckgenehmigung unseres Essays. Gegenstand ihrer Abschlussarbeit war ein Magazin, das sich mit der Zukunft ihrer künftigen Profession auseinandersetzte. Wie sehen die zukünftigen Aufgaben von DesignerInnen in einer Welt aus, die von technischen und gesellschaftlichen Umbrüchen durchgerüttelt wird? Es gilt genau hinzusehen, wie sich die professionellen Pfade im Design entwickeln und die Aufgaben in einer Disziplin zuspitzen, die nicht weniger ist als die Gestaltung der Potenzialitäten unserer Zukunft. 

Für eine konstruktive Auseinandersetzung mit Zukunft ist der Fachbereich Design in Münster offenbar ein gutes Pflaster. Unter der Leitung von Prof. Rüdiger Quass von Deyen erschien im Sommersemester 2021 die Zeitschrift „Fraek“ mit dem Untertitel „Provisio The Future Issue“, in welcher unser Text erneut abgedruckt wurde. Das experimentelle Layout stammt von den damals angehenden KommunikationsdesignerInnen Lea Berger, Julia Hugenroth und Jonas Springer. Das Editorial startet verheißungsvoll: „Warum auf die Zukunft warten, wenn man sie selbst gestalten kann!“ Hoher Anspruch – spitzenmäßig eingelöst, so unser Fazit.Als wir 2015/2016 das Essay schrieben, taten wir dies aus dem Gefühl einer Enttäuschung heraus. Wir sahen eine Domäne, die sich auf den Lorbeeren ihrer Vergangenheit ausruht und dabei die eigene Zukunft verschläft. Und das in einem gesellschaftlichen Umfeld, das sich rasant weiterentwickelt, während man im Design am Spielfeldrand dem Treiben nur interessiert zuschaut, statt sich als die Profession der ZukunftsgestalterInnen zu positionieren. Design als wissenschaftlich-künstlerische und als wirtschaftsnahe Dienstleistung sollte unserer Auffassung nach der Entwicklung ein Stück voraus sein, statt ihr hinterherzulaufen. In einer Wissensgesellschaft, deren Arbeitswelt verwissenschaftlicht ist, entwickelt sich das Gestalten zu einer voraussetzungsvollen und folgenreichen Tätigkeit im Rahmen der Transformation. Statt Kopf in den Sand, lieber den Finger in die Wunde!