Zukunft? Hatten wir schon. Steht uns nicht!

Die Antwort auf die Frage „Ist das Glas halbleer oder halbvoll?“ hängt davon ab, welchen Zustand man vorher kannte. War das Glas vorher voll und wurde daraus getrunken, empfinden wir es als halbleer – Bedauern! War das Glas zunächst leer und wurde dann halb gefüllt, denken wir: wie schön, halbvoll! In Deutschland haben wir meines Erachtens das Problem, dass unsere Gesellschaft sehr lange vor Gläsern gesessen hat, die randvoll gefüllt waren und schon überliefen. Deswegen sind wir unzufrieden, wenn das Glas nicht gleich nachgefüllt wird, sobald wir zwei, drei Schlucke daraus getrunken haben. Und dieser Unmut ist ganz unabhängig von der „Rest“-Menge an Wein oder Wasser. Wir wollen ein volles Glas, weil wir es so gewohnt sind, es uns zusteht. Egal, was es kostet!

Nein, es geht hier nicht um akademische Exkurse in die Psychologie, Physik oder Philosophie. Es geht mir um unsere Zukunft, ihre Bedeutung und um den Umgang mit ihrer Gestaltung. Mein Eindruck ist, dass wir immer noch erwarten und deshalb warten, dass unser Glas wieder ganz schnell vollgegossen wird. Irgendwie scheint das Helmut Kohl-Prinzip des Aussitzens zur gesellschaftlichen Mentalität geworden zu sein. Zudem hat die Mutti-Attitüde von Angela Merkel in uns offenbar ein Über-Vertrauen angelegt, das zu einer Art von „Second Life“ geführt hat und uns in einen wohligen Dämmerschlaf versetzt. Offenbar fühlen sich einige von uns rüde aus dem Schlaf geweckt und werden demnächst zu den „Protestwählern“ wechseln, weil die die einfachsten Antworten auf die schwierigsten Fragen haben und uns schon wieder mit unserer Ignoranz und Faulheit ködern. „Leben Sie, wir kümmern uns um die Details“ – so ein früherer Werbespruch einer Bank. Schöne Grüße von Lehman aus 2008!

Warum müssen eigentlich immer Ereignisse der Vergangenheit dafür herhalten, um Zukunft zu dechiffrieren? Warum imaginieren wir nicht alternative Zukünfte und spielen diese durch? Zum Beispiel in Reallaboren? Warum stellen BürgerInnen nicht höhere und konkrete Anforderungen an die Politik, sich mit ihrer Zukunft auseinanderzusetzen? 

Wie wäre es mit Beispielen aus der Zukunft? Fragen wir doch einmal die Zukunftsarchäologen. Vielleicht wären die über unser Verhältnis zur Zukunft sehr irritiert. Hätten wir doch wissen können, dass wir abbremsen und umlenken müssten. Stattdessen aber haben wir Gas gegeben und uns nicht vom falschen Kurs abbringen lassen. Bei Ausgrabungen stießen sie auf ein Graffiti, das da lautet: Zukunft? Hatten wir schon. Steht uns nicht!

Sind wir eine Gesellschaft geworden, der die Zukunftsfähigkeit abhandengekommen ist? Die sich schnell einlullen lässt, weil sie lieber auf eine DSDS-Party geht, statt eine „Deutschland sucht die Supertransformation“-Politik zu fordern? Die taz erwähnt mit Recht die Option, dass unsere Zukunft im Dunklen enden kann. Und dann ist es völlig egal, ob das Glas halbvoll oder halbleer ist …

https://taz.de/Zukunft-in-Zeiten-der-Dunkelheit/!5979434/

Bildquelle: Eigenes Bild