Braucht es ein neues Zukunftsdesign?

Wenn ich mein Auto anlasse, erscheint auf dem Display die Warnung, dass ich mich von den Assistenzsystemen nicht ablenken lassen soll. Ein System, das vor sich selber warnt? In der Tat hat der Hersteller recht – Ablenkungen sind eine Gefahr! Fast ständig piepst irgendetwas und verlangt nach meiner Aufmerksamkeit. Diese akustischen Warnsignale nerven! Mir erscheinen diese Problemlösungen over-designed zu sein. Vielleicht schaffen sie sogar neue Probleme, die es ohne sie nicht gäbe?

Es soll hier nicht um die Probleme der Assistenzsysteme in Autos gehen. Vielmehr geht es mir um unser Verhältnis zum Problem als solchem. Die Fähigkeit der Menschheit, Probleme zu erkennen und zu lösen, hat uns einen Wohlstand in dieser Hemisphäre beschert, der sozio-ökonomisch und praktisch-technisch kaum mehr zu steigern ist. Eignet sich aber das, was bis dato funktioniert hat, als Zukunftsmodell? 

Den Optimismus der Redaktion von brand eins in ihrem ersten Heft 2024 mit dem Titel „Das kann richtig gut werden“ teile ich nicht. Jedoch das Interview mit dem Ökonomen und Soziologen Stephan A. Jansen fand ich sehr inspirierend. Insbesondere zwei Punkte halte ich für zentral wichtig: Zum einen sollten wir uns auf die wahren Probleme konzentrieren und nicht mehr dem inzwischen überholten Titel des Exportweltmeisters hinterherrennen. Zum anderen sollten wir „wirkliche Innovationen und zukunftsträchtige Ideen“ entwickeln jenseits des alten Bildes der Industrialisierung, das auf den Export von Produkten gesetzt hat und nicht auf den Export kreativer Problemlösungen. Stellt sich die Frage, ob wir mit dem alten Konstrukt unseres industriell fokussierten Wirtschaftssystems auf einem tot gerittenen Gaul sitzen? Das könnte man meinen, wenn man das Handelsblatt vom 19.1.2024 zum Thema der chinesischen Überkapazitäten liest. Allein die 140 dortigen Autohersteller haben eine Produktionskapazität, mit der sie den eigenen wie auch den US- und den EU-Markt problemlos bedienen können. 

Vielleicht sind unsere derzeitigen Problemlösungen nur Sackgassen. Denn wir ignorieren die komplexen Probleme außerhalb unserer Wahrnehmung und begnügen uns stattdessen mit Optimierungen. Offenbar sind wir eher auf die Lösung konkreter Probleme (Energiebeschaffung nach dem Angriffskrieg auf die Ukraine) fixiert als auf das Verständnis abstrakter Probleme höherer Reichweite (Reduzierung der Erderwärmung auf 1,5-Grad) und deren globalen Lösungsprozess. Halten wir eine Problemlösung nur dann für erforderlich, wenn man mit ihr schnell monetär Erfolg haben kann? 

Braucht Deutschland ein neues Zukunftsdesign? Ja, und zwar eines, das uns allen ganz pragmatisch die Konsequenzen des geoökonomischen und -politischen Paradigmenwechsels vor Augen führt. Für neue, unbekannte Probleme eignen sich alte, wenn auch bewährte Muster zur Lösung nicht. Lassen Sie sich durch das eingefahrene System nicht vom Weltgeschehen ablenken!

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