Gestalter oder Getriebener einer Gesellschaft?

Wenn ich über mein Leben als Baby-Boomer sinniere, dann sehe ich Höhen und Tiefen, Konflikte und Krisen – privat und beruflich. Meiner erste, weil bewusst erlebte Krise war der Bau der Mauer in Berlin im August 1961. Meine Familie väterlicherseits stammte und lebte auch seinerzeit in Berlin, während ich im Zonenrandgebiet zur Schule ging. Die Sorge um die Verwandtschaft war groß, kannte doch keiner die weitere politische Entwicklung. Die nächste Krise war 1973 der Ölpreisschock. Persönlich erschwerte es die finanzielle Seite meines Studiums und den Einstieg in den Beruf. Deutlich spürbarer die Dotcom-Blase in 2000. Das eigene Büro mit seinen kreativen Dienstleistungen litt und verzeichnete einen Auftragsrückgang. Weh tat auch die Finanzkrise in 2008, die das eigene Sparkonto traf. Na ja, und dann war da noch Corona in 2019. Wie viele andere Menschen auch diese Krise durch- und überstanden.

Ich frage mich, was ich daraus gelernt habe. Nicht als Historiker oder Politiker, sondern als Designer, der sowohl in der Wirtschaft als auch in der Wissenschaft gearbeitet hat. Es ist ein induktives Schlussfolgern eines Bürgers für ein Denken in den Kategorien eines Zukunftsdesigns.

Wir wissen, dass Krisen ihre Entwicklungsgeschichte haben, die sich vor den Augen der Öffentlichkeit abspielen. Wie bei jeder Entwicklung ist der Ausgang gestaltbar, wenn man steuernd und korrigierend eingreift. Die eigentlichen Anfänge wie auch das Intervenieren in Entwicklungen basieren auf Werten des Handelns, die oftmals gegensätzliche Interessen verfolgen. Die Kontroverse ist in einer Demokratie immanent und hat noch nichts Kritisches. Es sei denn, diese Unterschiede werden so extrem, dass sie möglicherweise den gesellschaftlich verabredeten konsensualen Rahmen sprengen und sich zu einem parallelen und kontroversen Wertekanon bilden. Dann sollte man nicht weitere Eskalationsstufen abwarten und zusehen, bis unüberbrückbare Konflikte auftreten. Siehe aktuell rechte Tendenzen in Deutschland. Wenn jetzt das bisherige Fundament des gesellschaftlichen Handelns infrage gestellt wird, muß es zu einer breiten Auseinandersetzung kommen. Je später diese in einer Entwicklung stattfindet, desto schwieriger wird die Diskussion in und mit der Öffentlichkeit. 

Jedes Individuum und jede Organisation könnten wissen, dass sie Teil einer Entwicklung sind, die sie verändern wird. Wer also jetzt nicht an seiner eigenen Entwicklungsgeschichte arbeitet, sollte ins Grübeln kommen. Durch die bewusste Gestaltung des eigenen Verfügungsbereichs lassen sich unerwünschte Konsequenzen minimieren. Man kann an seinem eigenen Schicksal im Kontext der großen Entwicklungslinien mitgestalten! Wenn über das, was wichtig ist oder sein wird, diskutiert wird, sollte über die Werte der Zukunft nicht im kleinen, sondern im großen Kreis diskutiert werden. Noch haben wir die Wahl: Gestalter oder Getriebener einer Gesellschaft?

Bildquelle: Eigenes Bild