ZukunftsdesignerInnen – utopisch in der Realität

Als Kind habe ich sehr gerne Märchen gelesen. Zu denen, die mich nachhaltig beeindruckten, gehört „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen. Begeistert hat mich die naive Direktheit des kleinen Mädchens, das spontan und furchtlos ausruft, dass der Kaiser gar nichts anhabe. Und damit stellt es den hohen „Würdenträger“ und seinen gesamten Hofstaat in ihrer Blase voller Illusionen und Halluzinationen bloß. 

Offenbar ist man in seiner Eitelkeit besonders gut zu betrügen, wenn man in der sozialen Hierarchie sehr weit oben steht und mit seinem Reichtum nach immer neuen Ausdrucksformen sucht. Das Märchen macht aber auch klar, dass es Menschen braucht, die in solchen Situationen ihren Menschenverstand benutzen und sich nicht durch Imponiergehabe blenden lassen. 

Dieses Märchen kommt mir in den Sinn, wenn an diesem Sonntag die Pariser Bürgermeisterin die Bürger ihrer Stadt darüber abstimmen lässt, ob die großen, schweren Stadtgeländewagen das Dreifache statt der üblichen Parkgebühren bezahlen sollen. Im Unterschied zum Märchen geht es hier um ein reales Problem: In der Großstadt nehmen die SUVs immer mehr Fläche und Raum ein und dezimieren die Parkmöglichkeiten für andere. Madame Anne Hidalgo kämpft für die (menschengerechte) Zukunft ihrer Stadt!

Inzwischen frage ich mich immer öfter, ob wir nicht viel mehr solcher Menschen brauchen, die ganz direkt und respektlos Fehlentwicklungen unseres Wohlstands infrage stellen. Dabei geht es ja nicht nur um die Erkenntnis der Auswüchse, sondern auch um das Zukunftsdesign, nämlich um das Aufzeigen von Auswegen und Alternativen wie im Beispiel der Pariser Bürgermeisterin. Zukunft findet im Kopf statt und wird demzufolge von Menschen gestaltet und umgesetzt. Aber wie könnte das Profil von ZukunftsdesignerInnen aussehen? Sie müssen das Gemeinsame im Disparaten verhandeln, entwickeln und realisieren. Dabei ist Voraussetzung, dass sie utopisch in der Realität sind, energetisch mit ihrem Umfeld interagieren und es dadurch mitreißen. So anarchisch wie sie im Analysieren sein sollten, so respektlos gehen sie im Gestalten vor. Zugleich stehen sie in gesellschaftlicher Verantwortung und sollten deswegen demütig im Planen sein. 

Manchmal denke ich, dass unsere Gesellschaft mit ihrem materiellen Wohlstand und ihrer Suche nach bedeutungsvollen Singularitäten den Blick für das Angemessene und das Elementare verloren hat. Und es sind nicht nur die Extreme wie jüngst das weltweit größte Kreuzfahrtschiff für mehr als 5.600 Passagiere, welches mich kopfschüttelnd an Land zurücklässt, sondern das Subventionieren von Kaufhauskonzernen, während es an Kita-Plätzen mangelt. Es braucht dringend eine Zukunftsagenda, die nicht mehr die Strukturen des Gestern zementiert, sondern in ein Zukunftsprogramm investiert, das sich für die kommenden Generationen rentiert. Ein Hoch auf die kleinen Mädchen mit unverstelltem Blick!

Bildquelle: Eigenes Bild