Assoziatives Denken und dialogische Erkenntnisse

In einer Zeit, in der mehr geredet als zugehört, mehr geschrieben als gelesen wird, in der die Angst die schnellen Antworten gibt, hat sich langsam eine Furcht vor Fragen eingenistet, die sich zu einer Kakofonie der Sprachlosigkeit entwickelt. Mein Eindruck ist, dass viele Menschen in der Gewissheit ihrer Antworten leben und diese möglichst unter „Denkmalschutz“ stellen wollen. Die Disziplin „Denken im Dialog“ wird immer weniger trainiert. Es ist schade, dass die Kunst des assoziativen Denkens und der dialogischen Erkenntnisfindung so unterentwickelt scheinen. 

Aber vielleicht gibt es ja gerade eine Trendwende und die Leisen fangen an die Lauten zu überstimmen. Wenn einerseits immer mehr Menschen auf die Straße gehen, um gegen autokratisches Gedankengut und für demokratische Ideale zu demonstrieren, und andererseits immer mehr Podcasts zu politisch relevanten Gesellschaftsthemen entstehen, dann darf man wohl wieder auf geistige Beweglichkeit hoffen. 

Wenn Claudia Lutschewitz von ServantPolitics zum Podcast einlädt, dann ist auch das ein Zeichen gesellschaftspolitischen Engagements, das unsere demokratischen Strukturen erhalten und progressive Ideen zur Weiterentwicklung diskutieren will. Klaus Kofler (Future Design Akademie) und ich werden unter dem Titel „Lieber Denkfabrik als Reparaturbetrieb“ in einem kontroversen Gespräch die beiden divergierenden Modi politischen Handelns beleuchten. 

Das Prinzip eines Reparaturbetriebs ist die Beseitigung einer Störung zur Wiederherstellung eines ursprünglichen Funktionszustandes. In diesem Modus wird nur wiederholt, was ursprünglich gedacht war. Im Grunde ist radikale Kreativität hier fehl am Platz. Dieser Modus hat seine Berechtigung und Vorteile immer dann, wenn es sich um ein eingeschwungenes System handelt, das keinen Anlass bietet, es in Frage zu stellen und durch ein anderes zu ersetzen. Ein Beispiel ist der Parteienstaat, der im Grunde unseren Pluralismus sichert, aber auch immer wieder der Nachjustierung bedarf, siehe Bundestagsgröße.

Anders verhält es sich bei der Denkfabrik. Diese hat ihre Funktion, wenn alte Systeme abgelöst und durch neue ersetzt werden müssen. Die Metapher einer Denkfabrik besagt, dass hier viele klug arbeitende Köpfe am Werk sind, die möglichst viele neue Ideen und Konzepte erdenken und besprechen. Hier gibt es kein Ergebnis in dem Sinn, dass etwas endgültig ist, sondern Denkprodukte, die erprobt und dann verifiziert oder falsifiziert werden. So halte ich den Zustand unseres Bildungssystems für ein gutes Beispiel. Wir diskutieren seit Jahrzehnten über die Dringlichkeit einer Innovierung, reproduzieren aber stattdessen das dysfunktionale System immer weiter, siehe Pisa-Berichte. Offenbar verhindert die Angst vor neuen Strukturen einen grundsätzlichen Systemwechsel.  

Die Zukunft einer Gesellschaft im Wandel braucht beides – die Verlässlichkeit des Bekannten und den Fortschritt des Neuen … 

Bildquelle: Eigenes Bild