Wenn Zukunft aus Vergangenheit besteht

Schubladen wurden erfunden, damit man Stauraum hat, in dem man etwas hineinlegen kann und es anschließend wieder findet. Sie machen das praktische Leben leichter. Was seine unbestreitbaren Vorteile im „Daily Life“ hat und nach wie vor dort gut funktioniert, ist im intellektuellen „Ordnungssystem“ nach meiner Erkenntnis zum Problem geworden. Selbst in meiner eigenen Disziplin, dem Design, hat sich die geistige Schublade verklemmt und die relevante Weiterentwicklung gehemmt. Jede Innovation hat ihre hybriden Quellen und jede Erneuerung braucht ihre befruchtenden Impulse, die für Bewegung sorgen und erst einmal Un-Ordnung verursachen.

Im Kontext eines bevorstehenden Podcasts beschäftige ich mich mit dem un-ordentlichen Thema eines politischen Zukunftsdesigns; ein Thema, das sich nicht einfach in eine Schublade stecken lässt. Schwimmt es doch in vielen Gewässern. Um mich einer Verortung anzunähern, werde ich die Begriffe der Denkfabrik und des Reparaturbetriebs polarisieren. Eine meiner Grundannahmen ist, dass sich Politik und die verschiedenen Gruppen der Gesellschaft in Deutschland viel zu lange mit sich selbst beschäftigt haben und man sich gegenseitig die Funktion des Korrektivs vorenthalten hat. Im Gegenteil, man steht beim Kampf um Ressourcen in einem heftigen Wettbewerb und hat dabei den Blick fürs „Große Ganze“ durch Egoismen eingebüßt. Eine Kultur der Zusammenarbeit scheint nicht mehr zu existieren. Was sich daraus für polarisierende Entwicklungen ergeben können, erlebt Deutschland gerade im Parteienspektrum. Anscheinend ist dies eine Entwicklung, die vielen Sorge bereitet. Anderenfalls würden nicht Millionen Menschen auf die Straße gehen und protestieren. Offenbar fehlt uns ein gemeinsamer großer Nenner.

Was wie eine provokante These klingt, scheint nicht nur nach meiner Einschätzung Realität zu sein, die auf unser aller Türschwelle lauert. Der literarische Brief von Timur Vermes an Friedrich Merz macht genau dies an einem Punkt sehr deutlich – die Schwelle von der Demokratie zur Autokratie könnte zügig überschritten werden. Herr Merz sollte diesen Brief mehrfach lesen – andernfalls ist seine politische Zukunft auch schnell Vergangenheit.

So wie hier einmal mehr die Kunst ihre Schublade mit Recht verlassen hat, so sollte in Anbetracht der aktuellen und vor allem der kommenden Probleme die Politik ihre Schubladen des Denkens verlassen. Was mir für die Bundesrepublik der Zukunft fehlt, ist ein „Big Picture“, aus dem sich ein großer Plan der Transformation entwickeln ließe. Die vielen politischen Baustellen erscheinen mir noch immer ohne Vernetzung und ohne „künstlerische Oberbauleitung“. Zukunft braucht nicht die Schubladen der Bürokratie, sondern die Un-Ordnung einer gesellschaftlichen Utopie! 

Zugegeben, das Leben ist sehr viel einfacher, wenn man sich nur um sich selbst zu kümmern hat. Aber Zukunft findet nur gemeinsam statt – oder gar nicht!

https://www.sueddeutsche.de/muenchen/timur-vermes-literarischer-brief-friedrich-merz-afd-1.6342928

Bildquelle: Eigenes Bild