Mist, das mit dem Misstrauen!

Würden Sie einem Kaninchen vertrauen, das vor einer Schlange in Schockstarre hockt und Ihnen zuruft: „Ich habe alles im Griff!“? So kommen mir immer mehr unserer PolitikerInnen vor, die vor einem riesigen Berg von Problemen sitzen und nicht wissen, wie sie zu reagieren haben. Erst Zweifel und dann Misstrauen der WählerInnen sind die Folgen.

Das ist erkennbar, wenn man die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie „The Next Generation in Germany“ liest. In der Befragung äußerten 52 Prozent ihr Misstrauen in die deutsche Regierung und 45 Prozent gegenüber dem Parlament. Bröselt da etwas? Wenn jeder zweite der Befragten den Staatslenkern misstraut, ist Alarm angesagt. Ob PolitikerInnen die jungen Menschen nicht ernst nehmen? Könnte da etwas dran sein? Dabei gibt es einen Hoffnungsschimmer: Immerhin haben 59 Prozent der befragten Menschen (18- bis 30-Jährig) Vertrauen in die Demokratie und sogar 62 Prozent in die EU.

Fast zeitgleich erschien in der FAZ.net der Artikel „Frankfurter Schulleiter rufen den ´Notstand´ aus“. Wegen der schlechten Arbeitsbedingungen wenden sich die Schulleiter in einem Brandbrief an ihr Stadtoberhaupt. Die FAZ zitiert den zusammenfassenden Satz „Wir sehen uns außer Stande, unserem gesetzlichen Bildungsauftrag nachzukommen“. Wenn es einer der ersten Hilfeschreie dieser Art zur Dysfunktionalität unseres Bildungssystems wäre, dann könnte man noch von einem Einzelfall reden. Aber das Thema beschäftigt die Republik nun schon seit fast einem Vierteljahrhundert. Der erste PISA-Schock fand im Jahr 2000 statt und die vorläufig letzte Studie erschien 2022. Hierzu der Deutschlandfunk (5.12.2023): „Deutsche Schulleistungen sinken weiter“. Die Politik hatte weit über 20 Jahre Zeit, das Bildungssystem, das die jungen Menschen ja nun ganz direkt und über einen langen Zeitraum tangiert, nachhaltig zu verbessern. In einem entsprechenden Zeugnis würde man der Politik attestieren: „Sie war stets bemüht.“

Interessant in diesem Kontext auch die Reaktion von PolitikerInnen auf den ersten vom Bundesrat eingesetzten Bürgerrat. Die Oppositionsfraktionen erhoben gleich „Warnungen vor einer Aushöhlung der parlamentarischen Demokratie“. Das System der Bürgerräte ist kaum aktiv, da melden sich schon die Bedenkenträger – demotivierend für jeden politisch engagierten Menschen! 

Solange junge Menschen noch Vertrauen in die Demokratie haben, sollten wir dieses unbedingt fördern. Mich begeisterten die Ergebnisse des ersten Bürgerrats und deren Effizienz durchaus. So könnte ich mir Bürgerräte nicht nur auf Bundes-, sondern auch auf Landesebene und noch mehr in den Kommunen sehr effektiv vorstellen. Sicher könnte das eine vertrauensbildende Maßnahme in schwierigen Zeiten sein.

Vertrauen ist schnell zerstört! Es wieder aufzubauen ist langwierig und anstrengend. Ohne Vertrauen in die Politik hat die Gesellschaft ein riesiges Problem!

https://www.zeit.de/politik/deutschland/2024-02/bertelsmann-studie-deutsche-jugend-eu-regierung-vertrauen

https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/offener-brief-frankfurter-schulleiter-rufen-notstand-aus-19498308.html

https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/buergerrat-ernaehrung-fordert-kostenfreies-mittagessen-fuer-kinder-19447879.html

Bildquelle: Eigenes Bild