Kritik – keine Täter, keine Opfer!

Eine meiner Inkompetenzen heißt Diplomatie – das ist nicht meine Sache. Meine „Tollpatschigkeit“ lässt mich kritisch über eine Sache sprechen, ohne Rücksicht darauf, ob ich gerade jemandem gewaltig aufs Dach steige. Umgekehrt sind mir Menschen sympathisch, die nicht das berühmte Blatt vor den Mund nehmen. Aber als Karrierebooster taugt ein solches Verhalten nicht!

Beim Lesen auf sueddeutsche.de fallen mir immer wieder Artikel auf über Menschen, die ihre Kompetenz dazu nutzen, um deutlich Kritik zu üben. Oft erhalten sie dafür heftigsten Gegenwind! Immer öfter habe ich den Eindruck, dass Kritik als Tabubruch gilt und Kritiker in die Ecke der „Nestbeschmutzer“ kommen. Es wird nicht mehr diskutiert, sondern scharf gekontert. Gegenangriff wird zur Verteidigung – nicht die konstruktivste Reaktion. In Einzelfällen ließe sich über solche rhetorischen Scheingefechte, die immer mehr vom eigentlichen Sachverhalt ablenken, hinwegsehen, nicht aber, wenn es zur gesellschaftlichen Regel geworden ist. Werden doch durch das strikte Abwehren einer Auseinandersetzung die angesprochenen Probleme nur größer und schwerer zu lösen. Und die Brücken der Verständigung immer schmaler.

Nehmen wir die Overtourism-Kritik an Florenz, dessen Altstadt Weltkulturerbe ist – über 5 Mio. Besucher p.a. bei 380.000 Einwohnern. Da kommen auf jeden Florentiner fast 14 Urlauber!!! Nach meinem Verständnis ist es höchste Zeit, dass die Alarmglocken läuten. Zumindest bei der (deutschen) Direktorin der Galleria dell´Academia war das der Fall. Sie nannte die Stadt metaphorisch eine „Hure“. Zugegeben, recht drastisch. Aber wer reagiert auf höfliche und diskrete Kritik überhaupt noch? Die Medien erhielten aufmerksamkeitsstarke Headlines und die italienische Polit-Prominenz kriegte Schnapp-Atmung. Ich denke, dass der Zustand in Florenz schon vorher kritisch diskutiert worden ist, sich aber nichts änderte. Muss dann die Rhetorik des Vorschlaghammers kommen? 

Für Bürokraten ist Deutschland ein Biotop. Auch hier ist die Diskussion schon Jahre alt. Spätestens seit dem Ukraine-Krieg wissen wir, dass unsere Verteidigungs- und Wehrstruktur äußerst reformbedürftig ist. Und wenn das Organigramm des zuständigen Ministeriums eher einem Sudoku-Rätsel gleicht, dann ist es an der Zeit aufzuräumen. Ein entsprechend verhandelter und abgestimmter Plan für die Umstrukturierung wird dann aber vom Personalrat „harsch“ abgelehnt. Offenbar eine erbitterte Konfrontation mit den Beharrungskräften? Und als Alternative wird kundgetan, vorläufig nichts zu tun und das Problem zu vertagen. Hier kommt das rhetorische Florett des Ignorierens und Vor-sich-her-Schiebens zum Einsatz. 

Eine Gesellschaft, die dringend eine Transformation vollziehen muss, braucht einen neuen Umgang mit Kritik. Es darf nicht sein, dass Kritiker als Täter stigmatisiert und Kritisierte als Opfer stilisiert werden. Das muss sich ändern!

https://www.sueddeutsche.de/reise/italien-florenz-museen-overtourism-1.6345687

https://www.sueddeutsche.de/politik/verteidigungsministerium-boris-pistorius-reform-konflikte-1.6345600

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