Kein Lamento! Mehr Engagement!

Man muss kein Einstein sein, um zu erkennen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Wohlstand eines Volkes und seiner Bildung gibt. Wenn wir als eine der größten Volkswirtschaften konstatieren, dass es „eine Bildungsrevolution und mehr Frauen auf dem Arbeitsmarkt“ (FAZ 11.06.2024) braucht, dann scheint ja der Groschen gefallen. Fragt sich nur, wohin? Und was machen wir mit der Aussage?

Skandalös finde ich als Babyboomer, dass wir im Jahr 2024 noch immer nicht die Trias von Wohlstand-Bildung-Frauen in Einklang gebracht haben. Während einerseits der Wohlstand nicht mehr rund läuft, andererseits das Bildungssystem zur Disposition steht, wird die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt allenfalls thematisiert, wenn nach Ressourcen für die Wirtschaft gerufen wird. Nur zu gerne würde ich wissen, warum es in unserer Gesellschaft immer noch nicht völlig selbstverständlich ist, dass auch Frauen ganz normal berufstätig sind? Was, bitte, ist in den letzten Dekaden schiefgelaufen und warum wird das nicht thematisiert? Na ja, dass unser Bildungssystem weit hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt, ist nicht gerade eine „revolutionäre“ Erkenntnis. Zwischen den Zeilen könnte man lesen, dass sich der Wohlstand demnächst nicht mehr in der Zahl der zugelassenen Autos bemisst, sondern sich stärker in der Zahl der Pflegekräfte und der LehrerInnen wiederfindet. Wann definieren wir unser Verständnis für Wohlstand endlich neu?

Vielleicht sollten wir doch damit anfangen, weniger lamentieren und uns stattdessen wieder mehr engagieren, um tatsächlich etwas zu verändern. Und schaden würde es auch nicht, wenn wir sowohl die Bildungsproblematik als auch das Frauenthema weniger instrumentell behandeln, sondern aus Verantwortung für die sozio-kulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft neugestalten würden. Wenn immer alles nur mit Blick auf unsere Wirtschaft getan wird, dann ist der Blickwinkel schnell zu eindimensional. Sowohl die Bildung als auch die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt dürfen in ihrer ursprünglichen Motivation nicht nur auf den engen Fokus der unmittelbaren (wirtschaftlich relevanten!) Verwertbarkeit gerichtet sein. Es helfen weder Aktionismus noch Hauruck-Maßnahmen. Nur strukturelle Veränderungen haben Bestand und sind nachhaltig!

Noch ein Wort zur geforderten „Bildungsrevolution“: Seit den 1960er Jahren wissen wir, dass wir uns zur Wissensgesellschaft entwickeln. Nicht zufällig sprechen wir auch von der Verwissenschaftlichung der Arbeitswelt. Zwei Konstrukte, die eindeutig auf die strukturellen und langfristigen Umbrüche verweisen. Die Frage drängt sich auf, welches Verständnis dem Begriff von Bildung zugrunde liegt? Brauchen wir eine Aktualisierung?

Ich habe gut 20 Jahre an drei Hochschulen gearbeitet und nicht ein einziges Mal im Kollegium unseren Bildungsauftrag diskutiert. Höchste Zeit, dass wir uns als Gesellschaft der Dramatik dieser Situation stellen.

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wohlstand-in-deutschland-es-braucht-eine-bildungsrevolution-und-mehr-frauen-19775618.html

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