Was ist Zukunft? Eine Position.

Eine Pointe, die salopp und gleichzeitig düster daherkommt, ist Teil ökonomischer Weltgeschichte: „Auf lange Sicht sind wir alle tot“, sagte John Maynard Keynes (1883-1946). Der Brite widersprach so der klassischen Ökonomie, dass der Markt auf lange Sicht schon alles regeln werde. Der einflussreiche Ökonom des 20. Jahrhunderts warnte vor dem blinden Vertrauen in den Markt, der eben nicht alles regelt, sondern auch die Balance verlieren kann. Keynes sah die Notwendigkeit der Gestaltung durch die Politik mithilfe staatlicher Intervention. Und zwar im Hier und Jetzt – nicht irgendwann. Damit verwies er auch auf die komplexe Verstrickung der Zukunft mit der Gegenwart, in der die Weichen wesentlich gestellt werden.

Es stellt sich die Frage, ob sich Zukunftsgestaltung in einer von Wirtschaftsinteressen dominierten Welt überhaupt noch unpolitisch be- und verhandeln lässt? Wenn nein, welches politische Verständnis liegt dem zugrunde – ein soziales oder konservatives, ein demokratisches oder eher autokratisches, ein liberales oder ein ökologisches Verständnis? Und mit welcher Prämisse gehe ich an die hochvernetzte Systemplanung – will ich nur kleine Reparaturen ausführen, sukzessive das Gegenwärtige aktualisieren oder braucht die Zukunft eine radikale Erneuerung? 

Ich denke, die großen Zukunftsprozesse werden nicht mehr mit einem präzisen Ziel, sondern eher mit einem breiten und relativ offenen Zielkorridor an den Start gehen müssen. Zu lernen haben wir, dass Spekulation und Experiment genauso probate Mittel auf dem Weg zur Transformation sein können wie evaluierte Methoden. PlanerInnen werden die Fähigkeit zur Agglomeration von Zukunftswissen zu lernen haben, um faszinierende Topographien von Zukunft mit alternativen Optionen zu gestalten – der Konjunktiv wird zum wichtigsten Tool im Werkzeugkasten zur Entwicklung diverser Szenarien.

Die GestalterInnen von Zukunft werden immer unter der Unsicherheit des Zusammenspiels von Wissen und Nicht-Wissen arbeiten. Sie werden mit vermeintlichen Widersprüchen umzugehen haben und dabei die Grenzen des Knowhows austesten und verschieben. Ihre Kompetenz wird sein, sich selbst zu disziplinieren und zu lernen, ihre Meinung vom Wissen zu unterscheiden, diese hintenanzustellen und im Diskurs mit Andersdenkenden zu neuen Erkenntnissen zu kommen. 

Auch wenn der Tod uns langfristig alle holt, entbindet uns dieser nicht von unserer Verantwortung zu Lebzeiten. Die Zukunft wird in der Gegenwart gestaltet und die ist das Ergebnis ihrer Vergangenheit. Jede ahistorische Position in der Zukunftsgestaltung ist zum Scheitern verurteilt. ZukunftsgestalterInnen sind Hebammen, die helfen, neues Wissen und neues Bewusstsein in die Welt zu bringen. Ihre Professionalität lässt sich mit dem sokratischen Ansatz der Mäeutik vergleichen. Das Verknüpfen von Wissen zu plausiblen Annahmen, das Denken in neuen Kontexten und das dialogische Kommunizieren mit provozierenden Inhalten werden zum sozialen Prozess. 

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