Das Absurde – Voltaire hätte seinen Spaß

Immer öfter denke ich, dass ich das Mindset der drei Affen brauche: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Warum? Ich mag nicht mehr hören, dass alles gut wird, weil es schon statistisch nicht stimmt. Ich mag nicht mehr sehen, dass wir weiter machen, als wäre nichts geschehen. Und ich mag nicht mehr sagen, dass wir von unserer (alten) Substanz leben und es nicht schaffen, unser Gesellschaftssystem zu erneuern. Ich mag auch nicht die Lebenslüge des Go-easy-go-lucky, die den realitätsbejahenden Optimismus immer weiter trivialisiert. Alles ist immer super, alles ist immer erfolgreich und alles wird immer noch besser. Es ist an der Zeit zu akzeptieren, dass das richtige Leben nicht immer mit einem glamourösen Happy End gesegnet ist und dass auch das Backen von kleinen Brötchen eine ehrenhafte Arbeit ist.

Wer meine Meinung zum Pseudo-Optimismus teilt, sollte sich die komische Oper „Candide“ von Leonard Bernstein im Essener Aalto Musiktheater anschauen. Diese basiert auf dem satirischen Roman „Candide oder der Optimismus“ des französischen Philosophen Voltaire und will den Menschen zeigen, dass Katastrophen im Leben dazu gehören wie die Luft zum Atmen. Nach Voltaire und Bernstein hat sich in unseren Zeiten auch Loriot mit dem Thema befasst. Er hat als Replik zum Libretto der Oper einen deutschen Zwischentext geschrieben, der in Essen von Götz Alsmann vorgetragen wurde. Diese Kumulation von kulturellen Glanzleistungen hat mich nachhaltig beeindruckt. Führte sie mir doch die Absurdität als Prinzip unseres schicksalhaften Weltgeschehens vor Augen.

Voltaire schrieb seine Satire gegen eine optimistische Weltanschauung 1759 und Bernstein komponierte seine Oper 1956. Beide wussten um die dunkle Seite des Schicksals: Voltaires Schriften wurden von der katholischen Kirche verboten und Bernstein, Sohn jüdischer Einwanderer, erlebte den Wahnsinn des Antisemitismus. Beide erfuhren, wie absurd das Leben sein kann. Und heute? Offenbar leben wir wieder in einer Zeit, in der das Absurde zum selbstverständlichen Normalfall wird. Auch wenn wir in unseren (noch) geschützten „Safe Houses“ denken, es geht nur um den apokalyptischen Alltag der anderen, kommen uns Krisen, Konflikte und Kriege immer näher. Dabei übersteigt die mediale Ubiquität der Bad News, die um die Wette kommunizieren, unsere Vorstellungswelten von Menschlichkeit und Gerechtigkeit.

Großmächte zeigen eine größenwahnsinnige Omnipotenz, für die wir immer neue Superlative bräuchten. China will Taiwan, Russland die Sowjetunion und Amerika will alles – Zölle, Grönland, Rohstoffe, Krieg, Kuba. Und Deutschland? Braucht sofortige Reformen, aber vertagt Verantwortung in Arbeitskreise. Und Europa? Bräuchte Einigkeit, aber die Metastasen nationalistischer Egoismen schwächen die Zukunftsfähigkeit des Kontinents.

Wenn wir das Absurde nicht bekämpfen, werden Nihilisten eines Tages die Zukunft dieser Welt bestimmen. Voltaire hätte reichlich Stoff zum Schreiben …