Es gibt Sonntage, die sind schön und erholsam. Und es gibt Sonntage, die bleiben im Gedächtnis hängen. So wie der zweite Sonntag im März 2026. Ein Tag, an dem die Sonne schien und der nach einem kleinen Frühstück mit einem Spaziergang durch das nahe gelegene Wäldchen begann. Nach dem entspannten Mittagessen waren wir mit der Nachbarin zum Einkochen verabredet und hatten 16 Gläser mit feinster Bratapfelmarmelade als Ergebnis. Gegen Abend kamen die Ergebnisse der Landtagswahl in Baden-Württemberg.
Schnell waren sich die Kommentatoren im Fernsehen einig, dass es die Persönlichkeit des Kandidaten war, der die Landtagswahl zu seinen Gunsten entschied. Nicht seine Partei und ihr Programm waren für den Erfolg verantwortlich, sondern der Politiker selbst. Na ja, dachte ich, wenn ich ein Problem habe, dann gehe ich ja auch zu einer Person, der ich die Kompetenz zutraue und vertraue nicht einer Präsentation. Auch dachte ich, dass die Entscheidung für eine Person und nicht für ein Programm schon länger bei Wählern üblich ist. In Anbetracht der Probleme, die auf Baden-Württemberg zukommen, sind glaubwürdige Problemlöser gefragt. Mich erinnert die Situation doch sehr an den Strukturwandel des Ruhrgebiets.
Es war jetzt Sonntagabend und als Bildungsbürger alter Schule blieb ich gleich auf der Couch und schaute mir die Dokumentation „Hannah Arendt – Denken ist gefährlich“ an. Hannah Arendt verstand sich nicht als Philosophin, sondern sah ihre Berufung eher in der politischen Theorie. Ihre damaligen Gedanken und Analysen zum Totalitarismus sind erschreckend aktuell, wenn man heutige Entwicklungen vor Augen hat. Durch Hannah Arendt erkannte ich einmal mehr, was es doch für ein hohes Privileg bedeutet, in einer Demokratie geboren, aufgewachsen und hoffentlich auch zu Grabe getragen zu werden. Und mir wurde nochmals klar, wie wichtig es ist in Zeiten der wachsenden Abkehr von Vernunft sich nicht in Klischees an der Oberfläche zu ergehen, sondern das Denken in die Tiefe zu praktizieren.
Nach der sehenswerten Dokumentation hing ich noch eine Zeitlang meinen Gedanken nach – einerseits beglückend, andererseits bedrückend. Wie schön, dass ich mich hier frei bewegen und äußern kann, und wie bitter die Erkenntnis, dass die Feinde der Demokratie offenbar noch nicht ausgebremst sind – siehe Landtagswahlen in BaWü und Kommunalwahlen in Bayern. Deutlich wurde mir auch der frappierende Unterschied zwischen den Worthülsen von heute und der intellektuellen Präzision und sprachlichen Prägnanz einer der wichtigsten Denkerinnen des letzten Jahrhunderts.
Vielleicht sollten wir uns wieder mehr der „Gefahr“ eigenständiger Gedanken aussetzen, statt den alten Muff aus der Mottenkiste zu holen. Natürlich ist das anstrengend, aber auch überlebensnotwendig. Wer das Schicksal eines Landes zukunftsorientiert gestalten will, sollte sich an das Risiko originärer Gedanken heranwagen.

