Es gab Zeiten, da wusste ich, wohin ich auswandern würde – wenn ich es denn müsste. Ja, Amerika war auch dabei, aber zu Zeiten eines Barack Obama, der für mich die Hoffnung auf ein progressiveres Amerika verkörperte. Später war es Neuseeland wegen Jacinda Ardern, deren Integrität (auch fürs politische Loslassen) ich schätzte. Heute würde ich Kanada bevorzugen. Der kanadische Premier Mark Carney scheint jemand zu sein, der die Konsequenzen des derzeitigen Paradigmenwechsels für die Weltordnung auf den Punkt bringt. Und zwar nicht nur als rückwirkende Anerkennung von Realitäten, sondern als Antizipation des Futur II. Er macht klar, wie wir aus der späteren Zukunft unser derzeitiges Handeln bewerten werden.
Wer wie Mark Carney imstande ist, eine dezidierte Deskription der Machtzentren und ihrer geopolitischen Mutationen illusionslos zu vermitteln und doch gleichzeitig auch die therapeutischen Optionen aufzuzeigen – wie ein Arzt eine lebensbedrohliche Diagnose seinem Patienten –, der beweist seine Kompetenz für die politische Grammatik des Futur II. Denn diese ist erforderlich, um sich aus der Umklammerung einer erratischen Gegenwart zu lösen und in den Modus der Zukunftsgestaltung zu kommen. Das Schicksal hat es gut mit uns in den letzten Dekaden gemeint, aber es hat uns nicht unserer Verantwortung für uns selbst enthoben – das waren wir, die aus einem bequemen Über-Vertrauen in die besoffene Verantwortungslosigkeit gewechselt sind. Und jetzt gilt es, schnell wieder „nüchtern“ zu werden.
Ich mag PolitikerInnen, die Zukunft in die Gegenwart hereinholen und deren Sprache verbindlich, aber nicht apodiktisch oder populistisch ist. Ihre Art zu Denken akzeptiert eine Komplexität, die sich eben nur bedingt reduzieren und beherrschen lässt. Gleichzeitig zeigt Carney Lösungen für das Denken und Handeln in der Zukunft auf und lässt sich nicht durch die banale Kakophonie des Tagesgeschäfts korrumpieren. Die Utopie wird zum intellektuellen Pragmatismus, die über wünschenswerte Zukünfte Auskunft gibt, und zwar frei ideologischer Dogmen. Es gilt, Metaebenen des Geschehens zu lokalisieren und zu identifizieren, um aus einem unübersichtlichen Chaos eine nachvollziehbare und gestaltbare Ordnung zu schaffen. Das ist etwas, was ich in Deutschland schmerzlich vermisse. Hier ist die sogenannte Real-Politik, die populistisch ihre jeweilige Klientel umgarnt, immer noch eine „Heilige Kuh“.
In seiner Davoser Rede beim WEF 2026 benutzte Mark Carney ein eingängiges Bild: „… die Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.“ Ja, die „Vereinigten Staaten von Europa“ sind ein reizvoller, wenn nicht sogar ein überlebenswichtiger Gedanke. Es gilt, unsere Zukunft selbstbestimmt zu verhandeln – jetzt!
Für Europas PolitikerInnen muss das Futur II Priorität haben: Wer nur kleinkariert und nicht groß denken kann, dessen Gegenwart wird schnell Vergangenheit!
Die deutsche Übersetzung der Rede von Mark Carney hier: „Wir befinden uns in einem Bruch, nicht im Übergang“ (21.1.2026, faz.net).

