Europa, du hast keine Chance! Nutze sie …

Es ist verdammt schwierig in diesem chaotischen Geflipper von Zeitgeschehen noch einen halbwegs kühlen und klaren Kopf zu behalten. Nicht, dass Sie denken, ich hätte einen solchen – mitnichten! Angesichts der derzeitigen Lage scheint mein Repertoire „Krisenumgangsmodi“ erschöpft und ich kann meine Rat- und Hilflosigkeit nicht länger verhehlen … Allerdings gibt es ein kleines Stück Selbsterkenntnis aus über 70 Jahren, das mich davor bewahrt hat, vollends am eigenen Verstand zu zweifeln. Mir hilft dieser sozial gelernte Pessimismus, der mir immer sagt: Vorsicht an der nächsten Ecke. Wer weiß, was dahinter auf dich wartet. Andererseits gibt es diesen vermutlich angeborenen Optimismus, der mir sagt: Da kannst du was draus machen. Letzteres hat mich immer motiviert und mir beigebracht, mit einer „Schüppe“ umzugehen. 

Die Rede von Jürgen Habermas hat mich stark beeindruckt: „Von hier an müssen wir alleine weitergehen“ (20.11.2025, sueddeutsche.de). Es ist die Kette aus Beobachtung, Beschreibung und Bewertung einer geopolitischen Situation, in der es für uns scheinbar weder vor noch zurück geht. Die Welt, die wir uns in unserer Vorstellung so schön zurechtgelegt hatten, spielt auf einmal nicht mehr mit und hat eigene Regeln. Habermas ist sachlich in der Analyse, präzise in der Sprache und ernüchternd in der Aussage. Deutschland respektive Europa stehen nun tatsächlich vor einer „Zeitenwende“, aber einer, die sehr viel struktureller und komplexer ist als die nur einer militärischen Herausforderung. 

Gerade sahen wir uns als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt noch auf Augenhöhe mit den USA, China und Russland und plötzlich sind wir deren Domestiken. Anders kann ich den sogenannten Friedensplan für die Ukraine nicht interpretieren: „Als habe Putin es diktiert“ (20.11.2025, faz.net). Wir hatten gehofft, dass die USA wenigstens noch die alte Fassade des transatlantischen Bündnisses aufrechterhalten würden – großer Irrtum! 

Ach ja, da ist ja auch noch das Klima! Die COP30 fand statt und wird sicherlich weitergehen – so wie der Klimawandel. Die USA zeigten symbolisch den Mittelfinger, Russland polierte währenddessen vermutlich sein Waffenarsenal und China macht sowieso, was es will: „Klimagipfel ohne Beschluss zu Exitplan für Kohle, Öl und Gas““ (22.11.2025, handelsblatt.com). Außer Spesen nix gewesen?

Insbesondere durch die Habermas-Rede, begleitet durch die aktuellen Ereignisse, wurde mir deutlich, wie sehr Europa respektive Deutschland neue Ideen brauchen. Neue Ideen der internationalen Verflechtung, neue Ideen der wirtschaftlichen Prosperität, neue Ideen der innereuropäischen Zusammenarbeit, neue Ideen des politischen Systems, neue Ideen der technologischen Entwicklung, neue Ideen für die Legitimation der eigenen Existenz. Wir müssen den Anspruch haben, uns neu zu erfinden. Wir sollten überzeugt sein, dass die Geschichte Europas noch nicht auserzählt ist! Europa, du hast eine Chance! Vertu sie nicht …

Europa – von der Vision zur Illusion? Mach es wie Münchhausen – zieh dich selbst aus dem Sumpf und das mit neuen Ideen und volle Kraft voraus … (Foto: Autor)