Springt über euren Schatten!

Lasst uns übers Leben reden. 
Ja, und zwar über das Leben, das wir uns selbst so schwer machen. 
Nein, ich will jetzt keines der akuten großen Probleme verniedlichen. 
Ja, viele meinen, der Topf kocht gerade über und man müsse den Deckel hochnehmen. 
Nein, man kann auch die Temperatur etwas herunter drehen. Warum ich mit einer Metapher aus der Küchen-Philosophie beginne? Weil ich die Frage „Tanken oder Essen?“ für unnötig dramatisierend halte – siehe tagesschau.de vom 15.9.2026. 
Ja, natürlich kommen Menschen mit kleinem Einkommen an ihre Grenzen. Der Sprit, die Lebensmittel und manch anderes werden teurer und das Einkommen wächst nicht entsprechend. 
Nein, liebe Tagesschau, emotionalisierende Überschriften im Stil der Bild-Zeitung tragen nicht zur Versachlichung der Diskussion bei. 
Ja, selbstredend, dass wir Menschen am unteren Ende der Einkommensskala helfen sollten.

Womit wir beim Stichwort „Hilflosigkeit“ wären. Als die AfD in Sachsen-Anhalt ihren Erdrutschsieg verzeichnete, gab es von PolitikerInnen der Verliererseite die üblichen Kommentare, die sich substanziell kaum unterschieden – egal aus welcher ideologischen Ecke sie stammten. „Mit Worthülsen gegen das Ende der Berliner Republik, wie wir sie kannten“, lautet eine Medienkritik (8.9.2026, n-tv.de). Dabei können die Beteiligten nicht behaupten, dass ihre Wahlklatsche überraschend wie eine Naturkatastrophe über sie hereinbrach. Nur wer schon vorher seinen Kopf in den Sand steckte, konnte vielleicht noch seine Ahnungslosigkeit „legitimieren“. Sicher waren und sind viele PolitikerInnen mit dieser Situation überfordert, aber das ist keine Entschuldigung. Sind doch gerade jetzt Kompetenz und Durchsetzungsvermögen gefragt. Die demokratischen Alt-Parteien müssen von der Defensive in den Angriffsmodus wechseln, statt immer wieder den alten Besteckkasten rauszuholen. Beispiel: man müsse Politik nur besser erklären. Kein Wunder, dass es heißt: „Ich kann diesen Satz nicht mehr hören“ (16.9.2026, welt.de) 

Jede Partei muss ihren eigenen authentischen Masterplan für die Transformation Deutschlands vorlegen, damit sich letztlich auch in der Rhetorik von PolitikerInnen etwas fundamental ändern kann. Es braucht wieder Visionen mit inspirierenden Bilderwelten und motivierenden Begriffssystemen, die zu einem überzeugenden Angebot für WählerInnen werden. Hier sind auch Mut und Ehrlichkeit gegenüber der neuen Realität gefordert. So weiß doch inzwischen jeder, dass wir in Zeiten struktureller Krisen leben und „Die guten alten Zeiten“ nur verklärende Nostalgie sind – politische Folklore will gesellschaftlichen Rückschritt. Erforderlich ist aber ein grundlegender Umbau, der Zeit und viel Kraft und Geld kosten wird. Dabei sind die Lasten möglichst gerecht zu verteilen.

Unsere Parteien müssen ein neues „Big Picture“ entwerfen, um sich aus ihrer versteinerten Ratlosigkeit zu befreien und wieder mehrheitsfähige Argumentationsstrategien zu generieren. Springt über euren Schatten!

Ja, ein neues „Big Picture“ für unsere Gesellschaft zu entwerfen ist kein leichter Job.
Nein, wir haben aber keine Zeit mehr zu vertändeln und dürfen keine alten Bildern und Begriffen verherrlichen.
Politik braucht Zukunft! Vergangenheit hatte sie schon – steht ihr nicht mehr!