Charlie Chaplin war seiner Zeit voraus. Er gehörte zu einer künstlerischen Avantgarde, die die Zeichen der Gegenwart antizipativ in eine Zukunftsvision umsetzt. Die Rede ist vom Film „Der große Diktator“, der 1940 seine Uraufführung hatte. Also vermutlich zwei oder gar drei Jahre vorher in Arbeit gegangen ist. Wer den Film gesehen hat, wird sich noch an die Aussage: „Demokratie Schtonk! Liberty Schtonk! Free Sprecken Schtonk!“ erinnern. Das Kunstwort Schtonk kann man mit „wird abgeschafft“ übersetzen.
Wenn also die AfD die international unbestrittenen Erfolge und das historische Erbe des Bauhauses negieren, dann steckt dahinter ein Angriff auf die Identität des Fortschritts. Dieser ließ und lässt sich nur durch Avantgarde erreichen, die versucht, die kulturellen und damit zivilisatorischen Horizonte nach vorne zu verschieben. Es entstehen so gesellschaftliche Versuchslabore, deren Experimente das Leben verändern können. Natürlich ist das auch riskant und kann schief gehen, aber das kann jederzeit und überall auch eingeschwungenen Systemen passieren, wenn sich Umweltparameter ändern. Schaut man sich die aktuelle Welt aus geopolitischer, geoökonomischer und auch geoökologischer Perspektive an, dann müssen zwangsläufig die routiniert gelaufenen, aber ausgetretenen Pfade verlassen werden. Ein romantisierendes Zurück zu den vermeintlich guten alten Zeiten ist keine reale Option.
Das Bauhaus war für die damalige Zeit ein interdisziplinäres und auch transdisziplinäres Versuchslabor, das vordergründig die Gestaltungsdisziplinen Kunst, Architektur und Design umfasste. Wesentlich waren aber die gesellschafts- und vor allem bildungspolitischen Dimensionen, die eigentlich die Basis für das Neue waren. Insofern geht es der AfD nicht um Flach- versus Satteldach, sondern um konventionelles versus avantgardistisches Denken und Handeln. Erwartbare, also konventionelle Verhaltensweisen sind natürlich viel einfacher zu kontrollieren als kreatives Schaffen mit unbekanntem Ausgang. Autokratische Systeme lassen automatisch in den Köpfen Scheren wachsen, die kritisches und kreatives Denken verhindern!
Was ist Avantgarde? Das ist eine Ansammlung von Köpfen, die die Zeichen der Zeit dechiffrieren und für optionale Zukünfte rechiffrieren können. Hierfür braucht es kreative DenkerInnen, die in offenen Ökosystemen produktiv werden können. Dabei geht es nicht nur ums Entwerfen und Konzipieren, sondern auch um das Umsetzen und Realisieren, um letztlich gesellschaftsrelevante Innovationen zu schaffen.
Übersetzt auf unsere Gegenwart brauchen wir kein neues Bauhaus, sondern eigene Konstellationen, die interdisziplinär arbeiten und transformativ wirken. Avantgarde darf kein Begriff sein, der der Kunst vorbehalten ist. Avantgarde gehört in unseren Alltag der Erneuerung. Kongeniales Gestalten braucht die Symbiose von Wirtschaft und Wissenschaft, von Kunst und Technik und von Mensch und Maschine. Autokratie ist die Angst vor Kreativität und Komplexität!

