„Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich“. Das „Denken“ scheint in Deutschland gerade en vogue zu sein. Das Thema der Künstlichen Intelligenz (KI) zeigt dramatische Züge. So wird sogar mit ängstlichem Unterton gefragt: „Verlernen wir durch KI kritisches Denken?“ (21.8.2026, handelsblatt.com). Die Befürchtung macht deutlich, dass wir hier – beim menschlichen Denken – ein virulentes Problem haben. Ganz neu ist es meines Erachtens jedenfalls nicht. Ist doch das eigenständige, kritische Denken immer mehr unter die Räder unserer Vollkasko-Gesellschaft gekommen, selbst an Hochschulen.
Jedenfalls scheinen die Medien bis hin zum Wissenschaftsrat interessiert bis alarmiert zu sein. Als ich studierte, klebte an der Tür meines Profs ein Zettel: „Wer nicht denkt, fliegt raus!“. Gerade im Design mussten die Studenten zeigen, was sie nicht nur kreativ-gestalterisch, sondern gerade auch intellektuell draufhatten. Und das ging nur mit eigenständigem, originärem Denken. Es galt: „Selber denken macht klug!“ Das ist Jahrzehnte her, hat heute aber mehr denn je Gültigkeit. Hätte unsere Gesellschaft diese Erkenntnis stärker beherzigt, hätten wir heute weniger Druck, Lösungen aus den zahlreichen Abhängigkeiten zu finden.
Wenn wir nicht schleunigst unser Bildungssystem zukunftsorientiert aufstellen, werden orientierungslose und überforderte SchülerInnen in die Realität entlassen. Dann wird bald nur noch die spontane und unüberlegte Meinung zur Basis aller Bewertungen – sowohl beim Einzelnen als auch in der Gesellschaft. Verstärkend sorgen die sozialen Medien für eine Ubiquität von emotionsgesteuerter Meinung mit rasant schneller und immenser Ansteckungsgefahr.
Uns als Gesellschaft fehlt das denkerische Korrektiv vor der Urteilsfindung. Wir müssen wieder lernen, unsere Meinung zu suchen, zu finden, zu begründen und auch zu korrigieren. Bildung muss dringendst die Komplexität des Denkens fördern, ihr Raum geben und auch den Prozess der dezidierten Korrekturen zulassen. Das ist ein wesentlicher Teil kognitiver Leistung, der derzeit ohnehin schon zu kurz kommt. Nimmt uns dann noch KI weiteres Denken ab und macht uns noch denkfauler, werden wir die Kurve zu einer von Entmündigung emanzipierten Gesellschaft nicht mehr kriegen. Wir müssen dringendst die Voraussetzungen schaffen, damit wir die Prämissen und die Folgen unseres Tuns erkennen und korrigieren können.
In dem erwähnten Artikel ist auch die Rede davon, dass die amerikanischen Tech-Konzerne zunehmend Philosophen in den Entwicklungsprozess von KI einspannen. Wäre es nicht mindestens genauso, wenn nicht sogar noch sinnvoller, ein Gegengewicht zu schaffen? Nämlich die „Konsumenten“ von KI stärker philosophisch und ethisch zu bilden, zu begleiten und zu eigenen Urteilen – sprich kritischem Denken – zu befähigen? Wir müssen wieder diskursfähig werden und dürfen uns nicht von Maschinen bevormunden lassen. Sonst werden wir zu Opfern unserer eigenen Ignoranz und Überheblichkeit.

