Wenn die Nächte kürzer und die Tage länger werden, weil man weniger beruflich belastet ist und weniger Schlaf braucht, hat man die Zeit zum Beobachten und Nachdenken. Je mehr ich wahrnehme, desto größer wird meine Irritation.
Warum? Weil ich mich immer mehr wie ein Mitwirkender im Film „Die Truman Show“ fühle, wenn auch nur in einer unbedeutenden Statistenrolle. Vieles, was ich wahrnehme, fühlt sich für mich irreal, surreal und bald schon fiktional an. Nehmen wir als Beispiel die Situation um den Stuttgarter Hauptbahnhof. Man könnte vermuten, das Bau- und Projektmanagement von „Stuttgart 21“ will eine Hauptrolle in „Pleiten, Pech und Pannen“ übernehmen. Ja, das Projekt ist sehr viel mehr als nur der Neubau eines Bahnhofs. Aber wenn wir diese Komplexität schon nicht beherrschen, wie soll die Bundeswehr zur „konventionell stärksten Armee Europas“ werden?
Mein Gefühl sagt mir, dass wir uns in Deutschland extreme Sorgen sowohl um unsere Professionalität als auch um unsere Lernfähigkeit machen sollten. Wieder ein akutes Beispiel: Die gemeinsame Entwicklung eines deutsch-französischen Kampfjets ist geplatzt! Das Projekt FCAS wurde 2017 noch von Merkel und Macron aus der Taufe gehoben. Es dauerte neun Jahre, bis die Beteiligten gemerkt haben, dass sie nicht zusammenkommen. Was hat uns der Flop wohl gekostet? Auch neun Jahre dauerte übrigens die 1998 als „Hochzeit im Himmel“ verkündete Fusion zwischen Daimler und Chrysler. Auch hier ließen sich die unterschiedlichen Unternehmenskulturen nicht in Einklang bringen. Ich bilde mir ein, dass man aus diesen und vielen anderen gescheiterten Kooperationen lernen könnte, welche Bedingungen eine Erfolgsstory braucht. Wenn schon zwei Länder kein gemeinsames Projekt managen können, wie will sich die EU mit 27 Staaten unabhängiger von den USA und ihren Tech-Giganten machen?
Apropos Professionalität: Heute (10.6.2026) vermeldet tagesschau.de, dass am Landgericht Bonn ein weiterer Prozess zur damaligen Beschaffung von Corona-Schutzmasken beginnt. Eine Firma fordert vom Bund fast eine halbe Milliarde Euro! Das Gericht muss klären, ob ein gültiger Kaufvertrag zustande gekommen ist.
Ach ja, im INSA-Sonntagstrend fällt die Union auf 21 und die AfD holt 29 Prozent der Stimmen.
Ich bin weit davon entfernt „alles scheiße“ zu finden, so wie Juli Zeh am 4.6.2026 bei Markus Lanz. Aber ich frage mich, warum offenbar so viele den Eindruck haben, dass sich strukturell nichts bewegt? Auch frage ich mich, ob ich mich mit solchen Posts eigentlich nur an der Produktion von Social-Media-Sinnlosigkeiten beteilige. Und merke ich schon gar nicht mehr, dass ich wie Don Quijote zu seinen Windmühlen-Fights unterwegs bin? Ist das eigentlich alles nur sinnlose Sinnstiftung? Oder sind wir alle nur Teil des Blockbusters „Die Truman Show“? Kulturkritik for the happy few, die eh nichts bewegt? Ist das alles bloß Zeitverschwendung?

