Besser zu spät als nie! Mein Kommentar zu den „Empfehlungen für die Hochschulbildung in Zeiten generativer KI“ des Wissenschaftsrats (WR). Die FAZ titelte mit: „Kritisches Denken lässt sich nicht delegieren“ (6.7.2026, faz.net). Ich meine, menschliches Denken – in welcher Form auch immer – lässt sich grundsätzlich nicht delegieren! Nicht auf andere Menschen und erst recht nicht auf eine Maschine. Wenn der Mensch nicht mehr denkt, ist er in der Schöpfung überflüssig.
Das Kritische Denken im Kontext der KI zu thematisieren ist sicher richtig und überfällig, aber sollte es nicht in Demokratien ohnehin der vornehmste Auftrag einer jeden humanistischen Bildung sein? Dass dieser offenbar nicht (mehr) erfüllt wird, scheint mir das drängendste Problem unserer Gesellschaft respektive der Wirtschaft zu sein. Allein schon die Voraussetzung für „kreatives Zerstören“ (Schumpeter) ist das Kritische Denken. Wer nur in den eingefahrenen Bahnen denkt, schafft keine Innovationen, sondern nur „Mehr desselben“ (Watzlawick). Und vergrößert damit noch die Probleme um ein Vielfaches.
Die Dringlichkeit neuer Optionen zu dem „Business-as-usual“ hätte uns schon längst bewusst sein müssen. Offenbar fehlen schon seit Jahrzehnten kritische Denker. Und zwar auf allen Hierarchieebenen der Institutionen und Organisationen. Hätten wir diese, wären vermutlich die existenziellen Probleme bei VW nicht entstanden. Und sie würden immer noch begehrenswerte und wettbewerbsfähige Autos produzieren. Eigentlich hätte man viel früher wissen können, dass der Lehrling (China) dabei ist, den Meister (deutsche Automobilindustrie) zu überflügeln. Oder als weiteres prominentes Beispiel die Bahn. Hier hätten kritische Denker in der Verkehrspolitik des Bundes und der Länder „Wunder“ bewirken können.
Tiefes Kritisches Denken muss man einerseits können und andererseits braucht es ein Klima der Offenheit, des Zuhörens, aber auch die Einsicht, dass das heute Erfolgreiche morgen seine Endlichkeit hat. Beim Kritischen Denken geht es nicht um das typisch deutsche Gemecker, sondern um das substantiierte Hinterfragen der Zukunftsfähigkeit des strukturellen Jetzt. Wir halten zu lange an Prämissen fest, deren Gültigkeit abgelaufen ist. Daraus entwickelt sich eine „Convenience Politics“, die eine Illusion von Resilienz mit fatalen Folgen für eine Gesellschaft erzeugt.
Wenn also jetzt der WR für die Curricula das Kritische Denken einfordert, dann ist das zu spät und zu kurz gesprungen. Im Grunde braucht das akademische Bildungssystem ein Redesign. Zu viel Masse, zu wenig Klasse? Zu viel repetitives Lernen, zu wenig echte Kreativität in den Disziplinen? Verlassen zu viele angepasste Denker die Hochschulen?
Wir wissen schon lange, dass unser Bildungssystem seiner Zeit hinterherhinkt und im internationalen Vergleich im Niemandsland des Mittelfelds stecken geblieben ist. Geändert hat sich an der Situation strukturell nicht viel. Die Folgen werden wir noch lange spüren …

