Organisierte Kreativität als gesellschaftliches Postulat

Wenn diese Gesellschaft etwas im Überfluss hat, dann sind es Probleme. Was fehlt, ist der Leidensdruck, um sich an Lösungskonzepte heranzutrauen. Dafür fehlt es uns nicht an Wissen, wohl aber am Gestaltungswillen und -kraft. Stattdessen wird das Rad immer wieder neu erfunden. Dem Neuen weicht man am liebsten aus, Bekanntes wird endlos wiedergekaut. Deutschland ist durchaus noch ein Land der (progressiven) Ideen, aber auch ein Land der blockierten Reformkonzepte. 

So veröffentlichte z.B. der Stifterverband jetzt sein „Future-Skills-Framework 2030“. Gemeint sind damit „Handlungskompetenzen, die in den nächsten fünf Jahren für eine Welt im Wandel besonders wichtig sind.“ Ganz bestimmt ist dieses Framework sinnvoll und mit viel Engagement entwickelt, aber was passiert jetzt damit? Wieder für die Schublade? Oder Grundlage, um eine weitere Kommission ins Leben zu rufen? 

Wäre es nicht besser, vorher zu klären, wie man diese zweifellos wichtigen Erkenntnisse von der Theorie in die Praxis übersetzt bekommt? Die gesellschaftliche Verantwortung zwingt doch eigentlich dazu, solche Prozesse in die Zukunft zu denken und sie in Erneuerungsprogramme einzubinden. Wieso funktioniert die Transferleistung nicht? Und ist das, was sich gesellschaftlich zeigt, nicht auch ein Problem in Mikrostrukturen von Organisationen?

Meine Erfahrung: Viele sozio-ökonomische Organisationen sind auf Reproduktion und nicht auf Erneuerung angelegt. Ist man einmal erfolgreich auf der „Spur des Geldes“ gelangt, wird die Nabelschnur in die Zukunft gekappt. Jedes Anzeichen von Veränderung wird als Bedrohung gesehen, Prozesse der Erneuerung werden eingefroren und das neue Personal darf nicht besser als das vorhandene sein. Alles, was die etablierte Struktur der Organisation in Frage stellt, wird ignoriert oder „tot diskutiert“.

Organisationen, die eine gute Zukunft haben wollen, brauchen eine Infrastruktur der organisierten Kreativität. Nicht Verteidigung des Alten, sondern Angriff des Neuen bestimmen die Funktionsweisen der Vitalfunktionen. Kooperation ist Programm – die Innen- mit der Außenwelt, die oberen mit den unteren Hierarchien, die „Erbsenzähler“ mit den „Spinnern“ entwickeln in der Zusammenarbeit eine nachhaltige Resilienzstrategie. Innovation ist Prinzip – das gilt für die Wettbewerbsfähigkeit der Produkte, aber auch für Effizienz und Effektivität der Produktion. Permanente Erneuerung ist selbstverständlich, weil es die Existenz legitimiert. Damit die Infrastruktur funktioniert, hat sie weitere Elemente: So kümmern sich Mentoren um zu qualifizierendes Personal, es wird häufiger moderiert statt angeordnet. Wissen wird auf einem internen Portal gemakelt und MitarbeiterInnen werden zu Autoren, die relevanten Content produzieren.

Zentral dabei: Ideen bleiben nicht in einzelnen Echokammern stecken, sondern kreative Prozesse werden ganzheitlich entwickelt, um gesellschaftlich wirkmächtig zu werden.

Transformation geht nicht ohne Erneuerung und die funktioniert nicht ohne Kreativität. Organisierte Kreativität sollte ein Zukunftsprogramm sein, auf das sich Gesellschaft und ihre Träger committen.