Wo ist die Neuigkeit? Der Wirtschaftsjournalist Sebastian Matthes konstatiert (handelsblatt.com 9.1.2026): „Deutschland steckt in einer Innovationskrise.“ Weiter heißt es: „Wir haben nicht zu viele Insolvenzen – sondern zu wenige Innovationen“. Zu fragen ist, ob sich überhaupt etwas in den letzten Jahrzehnten strukturell verbessert hat. Wir drehen das Rad der Zeit zurück und halten es am 11.5.1999 im Handelsblatt an. Georg Weishaupt formulierte als Headline die Frage „Wo bleibt die Innovation, Herr Schröder?“. Auch damals schon wurden die politischen Weichenstellungen für eine durch Innovationen wettbewerbsfähige Wirtschaft eingefordert. Heute heißt es, die Berliner Politik müsse „… die Innovationskrise ins Zentrum der Reformpolitik rücken“. Ein Déjà-vu?
Wir sind jetzt fast 27 Jahre weiter und kämpfen offenbar noch immer gegen dieselben (politischen) Windmühlen. Auch persönlich kann ich das nur bestätigen. Eine Liste von Aufsätzen, Vorträgen und Essays, die sich mit der Notwendigkeit von Innovationen beschäftigen, findet sich in meinem Veröffentlichungsverzeichnis. Früher war ich jedes Mal voller Stolz, wenn eines dieser Elaborate wieder das Licht der Fachöffentlichkeit erblickte. Die Hoffnung schwang im Hinterkopf mit, das Thema Innovation käme mit vereinten Kräften schon in Fahrt. Ein Trugschluss. Dabei war ich wohl eher ein Don Quijote, der auf seinem klapprigen Gaul Rosinante gegen die Windmühlen in sinnloser Weise kämpfen wollte – immerhin wohl in guter Gesellschaft.
Als einen der Gründe für diese Misere benennt Sebastian Matthes unser „Bildungssystem, das Menschen noch immer so ausbildet wie in den frühen Achtzigerjahren“. Richtig ist, dass die Voraussetzung für innovative Durchbrüche kreative Menschen bilden. Und die brauchen ein motivierendes Bildungssystem, das sie auf ihre Rolle von Erneuerern der Wirtschaft vorbereitet. Ein Bildungssystem, das ihnen klar macht, Unzufriedenheit mit dem Hier und Jetzt ist okay, braucht aber den Ehrgeiz der Veränderung. Aber auch, dass die Kritik der Gegenwart die Konstruktion der Zukunft bedeuten kann. Die Akzeptanz einer solchen Kausalität verhindert Aktionismus. Ein Bildungssystem, das tatsächlich das Lernziel „Neues“ ausruft, darf nicht unter den Ritualen von Traditionalisten erstickt werden.
Wer die Erneuerung der Wirtschaft will, braucht gestaltungskräftige Innovatoren, die an Zukunftslösungen forschen. Kreativ-wissenschaftliche Bildung darf nicht mehr Orchideenfall an Hochschulen sein, sondern selbstverständliche Prämisse für Innovation. Sie muss essenzieller Teil der Curricula werden. Es braucht die kritische Reflexion und das heißt Suchen und Untersuchen unscharfer, komplexer Probleme. Es braucht kreative Konzeptionen und das heißt Finden und Erfinden, auch mit Hilfe von Experimenten. Es braucht die konstruktive Handlung und das heißt Initialisieren und Implementieren von Szenarien.
Die Uhr vor- und nicht zurückdrehen …

