Warum denke ich immer an „Die Schöne und das Biest“, wenn ich über Design schreibe? Design ist wie eine Melange von Gegensätzlichem. Es ist die Naivität der Schönheit und zugleich der Fluch der Ökonomie, der Ökologie und soziales Leben monetarisiert und zerstört. Das Schöne ist für mich die Erhabenheit einer praktischen Ordnung durch stimulierende Ästhetik. Das Biest ist das Hässliche einer dekadenten Konsumgesellschaft, die orientierungslos und sinnfrei alles mitmacht, was ihr die Unsterblichkeit des Moments verspricht. Vielleicht warte ich darauf, dass die Schöne es doch noch schafft, das Biest durch seine Liebe zu erlösen.
Getriggert hat mich der Verriss eines Autodesigns, der in dem Satz gipfelt: „Darin steckt immer noch technologische Exzellenz, aber warum sieht es aus, als käme das Design von Rheinmetall?“ Mit diesen Worten verunglimpft wird das Design des neuen BMW-Siebener. Ach ja, Rheinmetall stellt als Unternehmen der Wehrtechnik unter anderem gepanzerte Kampffahrzeuge her. Die vernichtende Kritik am Design kann man nachlesen: „BMW – Bitte macht weniger“ (13.8.2026, sueddeutsche.de). Eigentlich interessieren mich diese Autos nicht, weil ich sie für aus der Zeit gefallen halte. Aber sicher wird BMW seine aktuell berechtigten Gründe haben, ein solches Auto auf den Markt zu bringen.
Womit wir beim Thema wären. Das Siebener-Design wird nach meinem Verständnis mit den Maßstäben der Vergangenheit kritisiert. Ohne Zweifel war das Autodesign der 1990er eleganter. Aber das ist eben gestern gewesen! Design, so mein Verständnis, sollte immer die Zukunft propagieren und antizipieren. Und damit muss es mit Kriterien aus der Zukunft bewertet werden. Ab hier wird es knifflig. Ich denke, dass wir DesignerInnen es selbst verschuldet haben, wenn man unsere Arbeit mit den Leistungen des Gestern vergleicht und bewertet. Und wenn wir heute immer noch die aus den späten 1970er Jahren stammenden „10 Thesen für gutes Design“ von Dieter Rams rauf- und runterbeten, dann zeigt das nur, dass wir in dieser Diskussion nicht weitergekommen sind. Das ist Denkmalpflege! Design ist keine Religion mit 10 starren Geboten, sondern eine Profession in Bewegung, die schon qua Auftrag ihrer Zeit voraus sein sollte. Ob sich DesignerInnen zu wenig mit Philosophie beschäftigt haben? Immerhin tun das inzwischen sogar US-Tech-Konzerne: „Warum KI-Unternehmen jetzt Philosophen einstellen“ (11.8.2026, handelsblatt.com).
Finden wir die Zukunft des Designs oder doch das Design der Zukunft in der Philosophie? Beides! Wir sollten die Deutungshoheit über das Design und vor allem auch die Entwicklung unserer Profession wieder zurückgewinnen. Dafür sollten wir Vergangenheit Geschichte sein lassen. Zukunft ist unsere Gegenwart! Sind wir der ordnende Weißraum in einer chaotischen Wohlstandswelt? Oder die cleveren Prompts einer entfesselten Technologisierung? Ob so das Biest im Design erlöst wird? Fragen, die DesignerInnen beantworten sollten, ehe es andere tun!

