Performance – Was wusste Goethe?

In unserer Nachbarschaft gibt es einige sehr alte Opas und (wenige) Omas, die, wenn ich sie sehe, irgendetwas machen. Sie bewegen sich langsam und schwerfällig, sind aber immer beschäftigt. Der Gehweg wird gefegt, das Unkraut gejätet, die Mülltonnen ausgewaschen, der Rasen gewässert. Dabei sind sie immer nett und freundlich, nehmen sich Zeit für ein kurzes Schwätzchen, aber dann wird auch gleich wieder gearbeitet. Immer wenn ich sie sehe, bin ich beindruckt und verspüre Respekt gegenüber diesen Menschen. Sie wissen, dass sich die Hecke durch Zureden nicht von selbst schneidet und sie wissen, dass Haus und Hof Zuwendung in Form von Arbeit brauchen. Ja, das ist sie noch – die alte Schule „Von nix kommt nix!“

Womit wir beim Thema wären. Nachdem der „Herbst der Reformen“ eben nur kahle Bäume zurückgelassen hat, sollen jetzt doch die Ärmel aufgekrempelt werden: „Merz will 2026 zum ´Aufschwungs- und Wachstumsjahr´ machen“ (19.1.2026, n-tv.de). Natürlich drückt ganz Deutschland die Daumen und hofft, dass sich Erfolg einstellt und die Wirtschaft wieder Fahrt aufnimmt. Aber bei mir meldet sich sofort Goethe mit „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“. Ob Goethe schon ahnte, dass im 21. Jhdt. die Seuche des Non-Performativen grassiert? 

Alarmierend, wenn der Bundesregierung bescheinigt wird, sie sei „ambitionslos“. Und der Arbeitgeberpräsident wird geradezu nervös und ungeduldig: „Ich weiß nicht, wie lange ich noch die Füße stillhalten kann“ (20.1.2026, t-online.de). Noch drastischere Worte wählt Peter Leibinger, BDI-Präsident, wenn er sagt, dass sich Deutschland im freien Fall befände. Am Ende des Interviews „Eigentlich wäre er lieber leise“ (19.1.2026, zeit.de) drückt er seine Befürchtung aus, das einmalige Ökosystem zwischen Politik und Wirtschaft, „um hochkomplexe industrielle Produkte zu entwickeln und zu bauen“, könne schnell kaputt gehen. Bedenkt man alle diese Warnrufe, kann man dann noch zur Tagesordnung übergehen?

Wir haben sehr viel zu verlieren! Allerdings werden wir die „Workstation Deutschland“ nicht erhalten, wenn wir nur reden und zerreden. Zugegeben, man kann sich jeden Tag den ganzen Tag berechtigt über etwas empören. Aber damit schaffen wir keine Entwicklung, keine einzige Innovation. Im Gegenteil: Wir verlieren immer nur kostbare Zeit! Der Debattierclub Deutschland muss ein Ende haben!

Das Foto, das diesen Post visualisiert, habe ich vor ein paar Tagen beim Discounter gemacht. Ich finde es symptomatisch für unseren Zustand – aufmerksamkeitsheischendes Getöse, damit am Ende alles so bleibt, wie es vorher war. Und wir „Kunden“ schauen nicht richtig hin und bemerken den Stillstand nicht, weil uns vorgegaukelt wird, dass sich ja schon etwas getan hat. Ich denke, wir müssen wieder lernen, richtig hinzugucken und den Blendern keine Chance geben. Performance kann man von den Omas und Opas lernen, die immer noch in Bewegung sind und sich kümmern. Es muss wieder geliefert werden …

Als ich „Lehrling“ Anfang der 1970er Jahre war, galt noch „Täuschen, tarnen und verpissen“ als besonders schlau. War es aber nicht! Aber es scheint sich bis heute irgendwie gehalten zu haben …