In die Zukunft mit Oma und Opa

Ein lustiger Gedanke! Aber vielleicht eine ganz gute Übung. Der oder die KanzlerIn nach Friedrich Merz muss sich vor dem Amtseid in einen Schaukelstuhl setzen und seine bzw. ihre dann abgelaufene Regierungszeit mit den Augen des gealterten Ichs betrachten. Kanzler-Opa oder KanzlerIn-Oma sollen aus einer künftigen Perspektive rückblickend auf die Gegenwart bewerten, ob sie die richtige Haltung zu den Problemen entwickeln und daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen können. Was in der individuellen Psychotherapie funktionieren soll, kann ja auch für PolitikerInnen eine gute „Prä-Therapie“ der zukünftigen Staatskunst sein. Details lassen sich nachlesen: „Am Ende soll man sagen können: Mein Leben war nicht perfekt, aber gut genug“ (1.9.2026, sueddeutsche.de)

Was ich an diesem Gedankenspiel so interessant finde? Ich erhoffe mir davon mehr Bewusstsein unserer PolitikerInnen für die Antizipation von Zukunft, die nach den Erfahrungen der letzten Jahre immer dringender und wichtiger wird. Einerseits empfinde ich unsere heutige Politik zu aktionistisch und zu wenig proaktiv. Hektisch zu reagieren, wenn ein Problem laut und deutlich nach Hilfe schreit, bringt maximal nur kurzfristig wirksame Lösungen. Andererseits sehe ich eine Trägheit des politischen Systems, das viel zu lange Reaktionszeiten hat. Es fehlt an politischen Ideen und Innovationen, die uns strukturell in eine neue Zeit helfen. 

Schon jetzt ist zu merken, dass unsere Zeit komplexer, abstrakter und vernetzter ist. Erfolgreiches Handeln wird immer voraussetzungsvoller und führt damit unweigerlich in das Zentrum grundsätzlicher Strukturfragen. Diesen Fragen gilt es sich zu stellen. Beispiel Föderalismus: Ist das politische Handlungsrepertoire noch angemessen? Oder herrschen heute andere Paradigmen vor, die neue Steuerungsinstrumente brauchen? Welche Krisen und Konflikte könnten entstehen? Was für Kursänderungen sind notwendig und welche neuen Konzepte könnte das erfordern? 

Ja, PolitikerInnen müssen viel tiefer und empathischer in die Zukunft eintauchen und sie erfühlen. Selbstverständlich müssen sie ihr operatives Geschäft professionell beherrschen. Aber sie müssen genauso eine starke Sensibilität für normative Verwerfungen auf globaler Ebene entwickeln. 

Warum? Weil ich nicht mehr hören möchte, dass beispielsweise der Krieg in der Ukraine nicht vorhersehbar war. Oder „Es war ein ganz normaler Sommer!“, obwohl der Klimawandel das Leben in den Metropolen zunehmend erschwert – siehe die Zahl der Hitzetoten. Wir brauchen keine weiteren Verdrängungsleistungen, sondern offensive und ehrliche Auseinandersetzung mit dem globalen Strukturwandel und seinen internationalen Verwicklungen. 

Imaginierte Omas und Opas in unseren PolitikerInnen sollten als weise Ratgeber und Supervisoren zu den heutigen Weichenstellungen befragt werden. Wir brauchen in der Politik Zukunftsgestalter und keine Mangelverwalter …

Seine Vergangenheit als PolitikerIn vordenken und überlegen, welche Haltung man selbst zur Zukunft gehabt hat. Ein interessantes Gedankenspiel!