Kreativität als neue Qualität des politischen Systems? Ja, sofort! Wie hoch der Erneuerungs- und Handlungsdruck ist, zeigt allein schon das Interview mit dem Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff: „Der trügerische Wohlstand hat den Reformdruck lange überdeckt“ (10.5.2026, handelsblatt.com). Hier werden unsere Probleme der Gegenwart vor der Folie der Lösungen aus der Vergangenheit analysiert. Das Interview macht deutlich, wie sehr es uns in der jüngeren Vergangenheit und derzeit an kreativen PolitikerInnen fehlt, die auch bereit sind, die Risiken ihres Jobs zu tragen.
Wenn ich über die fehlende Kreativität bei unseren PolitikerInnen klage, dann meine ich vor allem fehlende Innovationen in unserer Politik und damit auch in unserem Gesellschaftssystem. Kreativität ist die unabdingbare Voraussetzung für Innovationen! Ohne sie werden nur Variationen der Vergangenheit erzeugt – im Grunde gilt dann „Fake for Real“. Die Realitätsverdrängung geht inzwischen so weit, dass mir als Fazit für die ersten zwölf Monate der Regierungskoalition nur noch das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ einfällt. Die Regierung ist weder den Problemen noch den eigenen Ansprüchen gerecht geworden. Und vor allem hinkt sie der Zukunft hinterher. Dabei ist es doch Aufgabe unserer PolitikerInnen, diesen Staat in eine sichere und bessere Zukunft zu führen. Und genau an dieser Fähigkeit mangelt es! Weshalb ich auch nicht glaube, dass die jetzige politische Führungsriege die notwendigen Innovationen in Deutschland hinkriegt.
Wir brauchen kreative PolitikerInnen mit frischen Ideen. Kreativität antizipiert Zukunft durch vorweggedachte Entwicklungen, die sowohl utopisch als auch dystopisch sein sollten. Angesichts des dynamischen bis chaotischen Weltgeschehens ist es nur klug, auch das Scheitern in die eigene Strategie einzukalkulieren und entsprechende Vorsorge zu treffen.
Kreative PolitikerInnen verbinden die Verlässlichkeit ihres Wertesystems mit der Flexibilität ihrer Problemlösungskompetenz. Das heißt nicht Beliebigkeit, sondern ist Qualifizierung der Transformation durch erweitertes und besseres Wissen. Gefordert sind integre und souveräne Persönlichkeiten, die intellektuell wie eine Membran funktionieren und schon sensible Anzeichen von Veränderungen registrieren. Kreative PolitikerInnen halten nie den erreichten Ist-Zustand des eigenen Systems für optimal und konstruieren neue Soll-Zustände, die sich im künftigen Wettbewerb der politischen Systeme behaupten müssen. Es sind progressive PolitikerInnen mit einer leistungsorientierten Neugier, die ihre Wirksamkeit an der Erneuerung unseres Staates messen – nicht mehr, aber auch nicht weniger!
Meine Hoffnung liegt da vor allem auf der jungen Generation in und außerhalb der Parteien: eher sach- als machtorientiert, altruistische Ideale statt überalterter Ideologien, frei von Dogmen und unerschrocken vor Tabus. Denen ihre Selbstwirksamkeit wichtig ist, weil sie der Zukunft voraus sein wollen.

