Alles, was in meiner Gegenwart passiert, findet seine Gründe in der Vergangenheit. Meine Rente beispielsweise habe ich mir in meiner beruflichen Vergangenheit erarbeitet. Da diese aber durch Schulden des Staates finanziert wird, kommt sie dennoch aus der Zukunft von anderen. Ist das ein vorgezogenes negatives Erbe? Erbe, weil die Schulden den nächsten Generationen überlassen werden. Das Nicht-Handeln in der Rentenpolitik hat inzwischen eine verantwortungslose Dimension. Denn schon längst ist klar, dass die Prinzipien des Generationenvertrags in einer alternden Gesellschaft nicht mehr funktionieren.
Im Grunde gilt das, was für die versäumte Rentenreform gilt, auch für andere gesellschaftliche Handlungsfelder, an denen sich die Reformpolitiker heute die Zähne ausbeißen: Gesundheit, Bildung, Migration etc. Nicht-Handeln der Vergangenheit als Verantwortungslosigkeit gegenüber unserer Zukunft. Was verhindert strukturell, dass wir aus der Vergangenheit lernen? Warum beschreiben wir nicht Gegenwart und bewerten Vergangenheit, um zu erkennen, was wir in der Zukunft zu bewegen haben?
Wenn wir alle Probleme unreflektiert und unbearbeitet unter den Teppich kehren, wird dieser eigentlich zum Endlagerplatz unseres Erfahrungswissens – und dieses wiederum wird einer besseren Zukunftsgestaltung entzogen.
Ich frage mich, Wer hat sich Wann und vor allem Warum in der Vergangenheit nicht um die Aufarbeitung von Fehlentwicklungen im Sinne eines Lernfortschritts gekümmert? Mindestens genauso interessant ist die Frage nach den systemischen Bruchstellen. Und warum gibt es kein Kontrollorgan, das rechtzeitig und wirkmächtig die Notbremse ziehen könnte? Ich habe den Eindruck, dass unser Verständnis von Professionalität verkümmert ist. Die Bedeutung persönlicher Lernfähigkeit und organisierte Lernmöglichkeiten aus Fehlern sind abhandengekommen.
Fehlentwicklungen der Vergangenheit brauchen Reflexion. Wer immer alles schnell unter den Teppich kehrt, nimmt sich und anderen Chancen zum Besserwerden. Lernen ist letztlich eine Frage der Überlebensfähigkeit einer Gesellschaft. Wenn sich beispielsweise die Wirtschaft erneuern muss, was wir gerade erleben, braucht man die lernfähigsten Köpfe – nicht einmal die intelligentesten.
Was wir auf jeden Fall brauchen, ist die Selbstverständlichkeit des kontinuierlichen Aufarbeitens von Fehlentwicklungen. Solchen, die nachhaltig negativ wirken und zu komplexen Verwerfungen führen. Statt disruptiver Reformversuche müsste kontinuierlich nachgesteuert werden, und zwar als systemimmanentes Element und nicht als systemfremdes Element, das eigentlich nur zu Abwehrreaktionen führt.
Eine Gesellschaft, die von ihrer Substanz lebt, verbraucht ihren Überlebenswillen. Ich meine, eine Demokratie muss in der Lage sein, ihre kollektive und kollaborierende Lernfähigkeit zu aktivieren, um sich nicht selbst zu gefährden. Reflexion und Lernfähigkeit werden zum Primat einer reformfähigen Gesellschaft!

