Zukunft? Ja! Aber welche? Und wann und wie?

Wie sieht Deutschlands Zukunft aus? Einer, der es wissen müsste, weil er zu den wichtigen Zukunftsgestaltern gehört, ist der Siemens-Chef Roland Busch. Deswegen las ich auch sehr interessiert sein Essay „Wer zusätzliche Anstrengungen erwartet, muss zeigen, wofür“ (15.10.2026, handelsbaltt.com). Im Grunde kann ich mich mit seinen Aussagen anfreunden, vor allem mit „Wir stehen vor einer Zukunftskrise – einer Herausforderung, wie es sie in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat.“ Erst recht mit seiner Forderung „Deutschland braucht ein Zukunftsbild“. Offenkundig scheint uns das zu fehlen! Ich behaupte: Wer kein Zukunftsbild hat, läuft Gefahr, die Gegenwart gründlich misszuverstehen und schlimmstenfalls sich selbst aus dem Spiel zu nehmen. Siehe Automobilindustrie.

Ja, unser Land braucht eine neue Idee seiner „Industriellen Zukunft“ und es ist gut, wenn man wie der CEO von Siemens diese aus der gängigen Praxis heraus anstößt. Eine stark exportorientierte Wirtschaft wie die unsrige wird schnell und nachhaltig von geopolitischen Veränderungen betroffen, die ihr Geschäftsmodell in Frage stellen. Die USA, China und Russland greifen massiv in die regelbasierten Wirtschaftsbeziehungen ein und zerstören bisher gültige Grundstrukturen. Der CEO von Audi hat das jüngst zu spüren bekommen.

Neue Ideen für unsere Industrialisierung? Ja, aber das allein reicht nicht! Es braucht jetzt schnell eine „Politische Zukunft“, die geoökonomischen Entwicklungen stärker als bisher antizipiert und in ein neues europäisches Programm integriert. Wir müssen die Realität aktiver und entschlossener gestalten und Innovationen unseres Staates schneller vorantreiben. Ein Paradigmenwechsel in der Wirtschaft hat mit einem Paradigmenwechsel der Politik Hand in Hand zu gehen. Dauerhafte Asymmetrien lähmen jede Modernisierung! 

Es braucht die öffentliche Projektion einer „Gesellschaftlichen Zukunft“, die Optionen ihrer Erneuerung intensiv debattiert und aushandelt. Es müssen neue Synergien zwischen den Institutionen erarbeitet werden, denn Wirtschaft wird politischer und Politik wird ökonomischer. Es bringt nichts, wenn Wirtschaft und Politik sich gegenseitig nur mit Forderungen überhäufen, aber nicht verzahnt arbeiten. Ganz zweifellos kann sich ein zukunftsfähiger Staat nicht „technologieunverbindlich“ verhalten, sondern muss die Frage beantworten, mit welchen Technologien die „Industrielle Zukunft“ gefordert und gefördert werden wird. 

Der Prozess der Gestaltung von Zukunftsbildern startet in der Praxis und beweist sich im Wechselspiel mit Politik und Gesellschaft. Im Grunde ist es ein Kreislauf, der sich immer wieder nachjustiert und auch neu herausfordert. Die Relevanz unseres Wohlstands wird mit der Substanz unserer Wirtschaft abgeglichen. Das ist ein langwieriger und komplexer Vorgang, der demokratische Teilhabe fördert und Egoismen abwehrt. Zukunft ja, aber gesellschaftlich selbstbestimmt!

Zukunft! Eine ubiquitäre Erneuerung soll davor bewahren, Bequemlichkeit anzusetzen, die sich dann in Egoismen und Ignoranz gegenüber anderen gesellschaftlichen Notwendigkeiten und Interessen wandelt. Ja, und ohne ausgehandelte Kompromisse zwischen allen Beteiligten wird es nicht gehen. Dafür sollte uns unsere Demokratie zu wichtig sein.